Hat die Wunde eine Seele?

Fallbeispiel
Eigentlich wollte Frau M. nie in der Landwirtschaft arbeiten, doch nun arbeitet sie schon seit mehr als 16 Jahren auf dem Hof ihres Mannes. Vom vielen Stehen hat sie Krampfadern bekommen und seit 3 Jahren offene Beine. Trotz aller Therapien heilt das Bein jedoch nicht. Sie war schon bei einem Gefäßchirurgen, ist mehrmals operiert worden – aber die Wunde bleibt. Seitdemdas Bein offen ist – inzwischen also seit drei Jahren – darf sie nicht mehr im Stall mit den Tieren arbeiten. Der Arzt hat ihr das ausdrücklich untersagt. „Wie soll ich das machen? Mein Mann ist alleine auf dem Hof und ebenfalls gesundheitlich angeschlagen?“ hat sie damals dem Arzt erzählt. Der hat anschließend mit dem Mann von Frau M. gesprochen, ihm erklärt, dass seine Frau nicht im Stall arbeiten dürfe. Er hat sich deshalb eine Aushilfe genommen, so dass das eigentlich nicht Mögliche nun doch machbar ist: Frau M. arbeitet seit etlichen Monaten nicht mehr im Stall. Seitdem wirkt sie glücklicher, entspannter, zufriedener. Und das Bein beginnt zu heilen. Doch dann wieder Rückschritte: Die Wundheilung stagniert, die Wunde exsudiert stärker. Bei einem Verbandwechsel ist ihr Mann nicht anwesend. Sie beginnt zu erzählen, dass sie die Zeit genießen würde, in der sie nicht im Stall arbeiten muss. Doch nun macht sie sich Sorgen: Wenn das Bein verheilt ist, muss sie sicherlich wieder die Arbeit im Stall übernehmen. Die Therapeuten verstehen, dass die Wunde von Frau M. vor lauter Angst nicht heilen wird.

Wundheilungsstörungen
Wundheilungsstörungen vor allem bei chronischen Wunden sind mannigfaltig. Lokale Wundheilungsstörungen wie Nekrosen, Fibrinpersistenz oder Austrocknung sind im Alltag bekannt. Systemische Wundheilungsstörungen werden dagegen schon schwieriger, weil sie durch den Blick auf die Wunde nicht erkannt werden: Diabetes mellitus, Ernährungsdefizite, Medikamente oder das Rauchen. Um diese Störungen zu erkennen, muss man als Wundversorger mit dem Patienten sprechen, beobachten und diagnostische Befunde kennen.
Doch es gibt immer wieder Wunden, die im Alltag trotz aller Bemühungen nicht heilen. Mitunter wird beobachtet, dass der Patient selbst an der Wunde manipuliert, weil er die Wundheilung gar nicht möchte. Denn mit offener Wunde würde der Patient auch Vorteile wie die soziale Zuwendung durch die Wundversorger empfangen. Sind wir wirklich so toll, dass Patienten nach unserer Nähe und Betreuung süchtig werden?

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Seite 209-210 WUNDmanagement | 12. Jahrgang | 4/2018 BLICKPUNKT | G. Schröder

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