Deutscher Wundkongress / Bremer Pflegekongress 2017

Der Eröffnungsvortrag für die Doppelveranstaltung wurde von Frau Prof. Christel Bienstein von der Universität Witten / Herdecke gehalten. Sie rief alle Pflegenden auf, die Stimme zu erheben und für die eigenen Belange einzutreten. Mit Fragen wie „Ist die Pflege auf der Webseite des Arbeitgebers vertreten“ oder „Sprechen Sie bei Entscheidungen, die die Pflege betreffen, mit?“ sollte das Bewusstsein dafür geschärft werden.

Damit einher geht eine Professionalisierung der Pflege einher, wie Bienstein weiter ausführte. Diese zeigt sich unter anderem sich in der berufsständigen Vertretung, Bildungsplanung und Wissenstransfer sowie einem Ethikkodex und der Übernahme von Verantwortung.

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Expertinnen unter sich Prof. Christel Bienstein (Witten), Prof. Martina Roes (Wit-ten) und Veronika Gerber (Spelle) bei der gemeinsamen Eröffnungsveranstaltung. Foto: B. Springer

Brauchen wir Pflegende für die Zukunft?

Die Frage dieser Sitzungsüberschrift rhetorisch – Pflegende werden für die Zukunft benötigt, denn ansonsten hat die Pflege keine Zukunft. In der Sitzung wurden die Probleme wie beispielsweise der Pflegeschlüssel (Verhältnis Patienten zu Pflegepersonal im Krankenhaus) angesprochen und mögliche Lösungsansätze vorgestellt.
Derzeit stehen die deutschen Krankenhäuser im europäischen Vergleich bei der Ausstattung mit Pflegepersonal am Schluss. In keinem anderen europäischen Land müssen mehr Patientinnen und Patienten im Durchschnitt von einer Pflegekraft versorgt werden. 162.000 Stellen fehlen in deutschen Krankenhäusern, davon 70.000 allein in der Pflege – das war der Befund des ver.di-Personalchecks 2013. Daraus ergeben sich zwangsläufig Probleme bei der Patientenversorgung.
Rechtliche Vorgaben für die Personalbemessung in der Krankenpflege sind international verbreitet. Auch hierzulande könnten sie Arbeitsüberlastung und Qualitätsmängel lindern. Deshalb müssen für die Personalausstattung in den Krankenhäusern dringend gesetzliche Vorgaben entwickelt und umgesetzt werden. Ansätze hierfür bietet das Beispiel der Berlin Charité, das in der Sitzung präsentiert wird.
Ein wichtiger weiterer Schritt ist die Spezialisierung und die Akademisierung in der Pflege. In Deutschland existieren bereits etablierte Fachweiterbildungen, wie beispielsweise im Bereich der Intensivpflege, der Psychiatrie oder der Onkologie. Die Integration von hochschulisch ausgebildeten Pflegenden in der direkten klinischen Praxis stellt die Organisationen jedoch weiterhin vor Herausforderungen.
Im Universitätsklinikum Freiburg (UKF) als Klinikum der Maximalversorgung sind PflegeexpertInnen als Advanced Practice Nurse (APN) ein fester Bestandteil der dortigen Patientenversorgung. Zum weiteren Verständnis wurden im Rahmen der Sitzung die Tätigkeit der Pflegeexpertin APN der Klinik für HNO- und Augenheilkunde vorgestellt.

Konstituierende Delegiertensitzung des Deutschen Wundrates

Im Vorfeld des Kongresses fand die erste konstituierende Sitzung des Deutschen Wundrates statt. Der Deutsche Wundrat wurde als Interessenvertretung aller Wundversorgenden und deren Gesellschaften gegründet und bündelt die Kompetenzen unterschiedlicher Fachgruppen, um die Versorgungsqualität von Patienten mit chronischen Wunden zu optimieren.
Zielsetzungen sind die interdisziplinäre Weiterentwicklung und Erarbeitung von Standards für die Dokumentation und die Ergebnismessung in der Wundbehandlung. Projekte zur Versorgungsforschung, klinische Forschung sowie Grundlagenforschung zum Thema chronische Wunde werden gefördert und koordiniert.
Weitere Informationen finden Sie unter www.wundrat.de und in einer der nächsten Ausgaben von Wundmanagement.

15 Jahre Initiative Chronische Wunden e. V.

Der Initiative Chronische Wunden e.V. wurde 1996 gegründet und 2002 als Verein eingetragen. In diesem Jahr feiert der Initiative Chronische Wunden e. V. daher sein 15-jähriges Bestehen als Verein. Die Sitzung ICW-Aktuell hat das Jubiläum unter dem Thema 15 Jahre – 15 Aspekte aufgegriffen. Unter der routinierten Leitung von Anke Bültemann wurde ein Bogen von den Anfängen der ICW mit ihren Arbeitsgruppen, bis hin zu aktuellen Geschehnissen in der Gesundheitspolitik gespannt. Die rundum gelungene Sitzung endete mit der Liveperformance des Appellsong des Initiative Chronische Wunden e. V. zum Heil-und Hilfmittelversorgungsgesetz (HHVG), bei der der Refrain von den Aktiven der ICW live mitgesungen wurde.

Nicht nur in der Sitzung ICW-Aktuell, sondern auch am Messestand der Initiative Chronische Wunden e. V. wurde das Jubiläum zusammen mit allen Messebesuchern gefeiert. Am Glücksrad konnten die Messebesucher das Glück herausfordern und einen von drei attraktiven Tagespreisen gewinnen.

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„Wundrapper“ unter sich: Am Schluss der Sitzung ICW aktuell wurde der „Appell-song“ des ICW zusammen mit dem Publi-kum gesungen. Foto: B. Springer

10 Jahre Zeitschrift Wundmanagement

Auch die Zeitschrift Wundmanagement feiert ein Jubiläum. Sie erscheint seit zehn Jahren im mhp Verlag in Wiesbaden. Das wurde im Rahmen des Deutschen Wundkongresses mit Autoren, Kooperationspartnern und Freunden mit einem „Bremer Abend“ gebührend gefeiert.
Begleitend zum Kongress wurde auch an jedem Tag ein Kongressbegleitheft mit Programm, Leitartikeln und Fachinformationen herausgegeben, die auch nach dem Kongress lesenswert sind. Die Hefte können unter https://shop.mhp-verlag.de/zeitschriften/wundmanagement/wund-blog/ kostenfrei heruntergeladen werden kann.

Podiumsdiskussion

„Wunden vor den Wahlen“

Eine völlig neue Art von Veranstaltung hatte ihre Premiere mit der Podiumsdikussion „Wunden vor der Wahl“. Anstoß zu dem gesteigertem politischen Interesse war im letzten Jahr die Diskussion um das Heil- und Hilfsmittelversorgungsgesetz (HHVG). Auf Initiative von Prof. Augustin, Hamburg, der die Diskussion auch leitete, versammelten sich im Wahljahr die geladenen Diskussionsteilnehmer aus der Lokalpolitik, Sarah Ryglewski (SPD), Dr. Kirsten Kappert-Gonther (Die Grünen) und Rainer Bensch (CDU) ergänzt durch Gabriele Kostka (DAK) und Raimund Koch (BVMed) auf dem Podium des Borgward Saales um Statements zu gesundheitspolitischen Fragen abzugeben und auf Fragen aus dem Publikum zu antworten.
Dabei wurden die Unterschiede in der Beurteilung gesundheitspolitischer Fragen durchaus deutlich. Stichworte wie Ausbildung in den Pflegeberufen, intersektorale Kooperation oder Pflegekammern wurden ausführlich diskutiert. Kritische und auch emotionale Fragen und Beiträge aus dem Publikum forderten den Politikern klare Stellungnahmen ab. Am Ende hatten alle das Gefühl, dass die Diskussion noch lange hätte weitergehen können. Es wäre deshalb wünschenswert, wenn auch bei kommenden Kongressen die Möglichkeit zum Dialog zwischen Wundversorgern und Politikern bestünde.

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Teilnehmer des Politischen Talks „Wunden vor den Wahlen“. V.l.: Raimund Koch (BVMed), Prof. Matthias Augustin (UKE, Moderation), Björn Jäger (ICW e. V., Moderation) , Gabri-ele Kostka (DAK) Dr. Kirsten Kappert-Gonter (MdB, Die Grünen), Sarah Ryglewski (MdB, SPD), Rainer Bensch (MdB, CDU), Dr. Christian Münter (WZ-HH, Moderation); Foto: A-L Kolb

Deutscher Wundpreis

Zum siebten Mal wurde im Rahmen des Deutschen Wundkongress der Deutsche Wundpreis verliehen. Stifter ist der Initiative Chronische Wunden e. V. (ICW). Eine Fachjury zeichnete in diesem Jahr erstmalig fünf Arbeiten aus. Den ersten Platz belegte Beata Zschieschang mit einem Poster zum Thema „Effekt eines Kurzschulungskonzeptes zur Kompressionstherapie“. Platz 2 erkannte die Jury Inga Hoffmann-Tischner für „Überleitung ohne Versorgungsbruch“ zu. Den 3. Platz teilten sich Claudia Schatz mit „Dosimetrische Effekte von modernen Wundauflagen“ und Carsten Hampel-Kalthoff mit seiner Arbeit „Die Einschätzung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität von Menschen mit chronischen Wunden durch sie selbst und durch ihre Angehörige“. Einen Sonderpreis erhielt PD Dr. Gunnar Riepe für „Die WundUhr®-Modellbahn, Edukationstool mit Kindheitserinnerung“.

Der Deutsche Wundpreis wurde von dem Initiative Chronische Wunden e. V. verliehen und ist mit € 500 für den 1. Platz, € 300 für den 2. Platz, € 200 für den 3. Platz und den Sonderpreis dotiert.

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Gruppenfoto bei der Verleihung des Deutschen Wundpreises (von links nach rechts):  PD Dr. Gunnar Riepe (Stiftungsklinikum Mittelrhein, Sonderpreis), Claudia Schatz  (Klinikum rechts der Isar, München, 3. Platz), Jurymitglieder Professor Dr. Matthias Au-gustin (Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), Universitäres Comprehensive Wound Center (CWC)) und Anke Bültemann (Asklepios Klinik Harburg), die Vorsitzende der ICW e.V. Veronika Gerber, Jurymitglied Dr. Cornelia Erfurt-Berge (Universitätsklinikum Erlangen), Carsten Hampel-Kalthoff (ORGAMed Dortmund, 3. Platz), Beata Zschieschang (Universitätsklinikum Erlangen, 1. Platz), Jurymitglied Bernd Assenheimer (Universitäts-klinikum Tübingen) sowie Inga Hoffmann-Tischner (Wundmanagement Köln, 2. Platz).
Foto: Messe Bremen / Jan Rathke

Seltene Diagnosen

Am letzten Tag des Kongresses wurde unter dem Stichwort „Seltene Diagnosen“ über Krankheitsbilder berichtet, die nicht jeden Tag in der Wundambulanz vorkommen, wenn sie aber doch auftreten, die Behandler vor besondere Herausforderungen stellen.
Frau Dr. Erfurt-Berge, Leiterin der Wundambulanz an der Universität Erlangen, berichtete über die Necrobiosis lipoidica, eine selteneErkrankung, die insbesondere im Rahmen des Diabetes mellitus auftritt.Grundlegende Informationen zu Diagnostik und Therapie sowie neue epidemiologische Daten aus eigener wissenschaftlicher Arbeit wurden vorgestellt.
Prof. Dissemond, Universität Essen, schloss sich mit einemVortrag über das Pyoderma gangraenosum an. Die Unsicherheit in der Diagnosestellung spiegelt sich in der Unter- wie der Überschätzung derHäufigkeit des Pyoderma gangraenosum. Neue faszinierende Therapiemöglichkeiten werden heute schon eingesetzt oder zeichnen sich am Horizont ab.
Aus der angiologischen Abteilung der Helios Klinik Krefeld berichtete Prof. Kröger über vaskuläre Malformationen und deren vorhandene oder eben auch nicht vorhandene Therapiemöglichkeiten. Kröger betonte dabei besonders, dass bei allenTherapieentscheidungen die Lebensqualität der lebenslang Betroffenen und nicht das medizinisch machbare im Vordergrund stehen müsse.
Der letzte Vortrag der Session von Dr. Münter aus Hamburg, widmete sich den Ulzera im Rahmen tropischer Erkrankungen. Während den Tropenkrankheiten früher der Hauch des Exotischen anhaftete, treten sie heute nicht nur in der Bevölkerung tropischer Länder auf. Reiserückkehrer können sich infiziert haben und auch im Rahmen der Migrationsbewegung ist mit ihrem Auftreten in Mitteleuropa zu rechnen.

Stimmen zum Kongress

Bei den Teilnehmern kam der Kongress mit dem Drei-Tages-Konzept wieder gut an. In den Gesprächen am Stand fanden die meisten Kongressbesucher das gestreckte Kongressprogramm auf drei Tage sehr gut. Dadurch ergab sich für die Teilnehmer, Dozenten und die Industrie, ausreichend Zeit und Raum für Diskussionen und fachliche Gespräche. Die zusätzliche Zeit wurde für intensive und fachlich hochqualitative Gespräche genutzt und nicht nur für ein schnelles Informationsgespräch zwischendurch. 

Anna-Lena-Kolb, mhp-Verlagsmitarbeiterin für den digitalen Bereich und zum ersten Mal auf dem Wundkongress, ist ebenfalls begeistert: „Als erstes muss ich einfach sagen, dass ich tatsächlich noch nie ein so entspanntes Fachpublikum erlebt habe. Sowohl Besucher als auch Aussteller und Referenten schienen völlig gelöst, gespannt auf die aktuellen Themen und Produkte – aber völlig ohne Berührungsängste. Das liegt bestimmt an der Branche. Wer sich mit Wunden und der Pflege von Menschen beruflich beschäftigt, darf und kann kaum Berührungsängste haben. Und er bzw. sie ist immer mit ganzem Körpereinsatz, Herz und Kopf dabei. Das wurde auch in den Vorträgen deutlich. Referenten, die sich enthusiastisch für Veränderungen und Verbesserungen aussprachen und Teilnehmer, die sich nicht scheuen auch mit Politikern in die Grundsatzdiskussion zu gehen. Wundmanagement und Pflege profitieren von der großen Fachkompetenz der Menschen, die in dieser Branche arbeiten. Die zu behandelnden Patienten profitieren aber vor allem auch von der großen Empathie, die ihnen hier entgegengebracht wird. Es wird an vielen verschiedenen Fronten gekämpft. Zum einen, um die teilweise sehr ungleiche fast schon unfaire Bezahlung der Fachkräfte endlich anzupassen. Und zum anderen, um für Patienten mit chronischen Wunden ein Sprachrohr, eine Lobby zu schaffen, die auch in der Politik gehört wird. Die Versorgung zu verbessern liegt allen am Herzen. Ich freue mich schon auf das nächste Jahr".

Save the date 2018

Insgesamt war es ein Kongress mit viel Informationen, Austausch und insgesamt guter Stimmung. Bei der Get-Together-Party am Donnerstagabend wurde den Teilnehmern von der Band ordentlich eingeheizt, bis spät in die Nacht wurde getanzt und sich ausgetauscht.
Der Termin für das nächste Kongressduo steht bereits fest. 2018 finden der DeWu und der Bremer Pflegekongress von Mittwoch bis Freitag, 16. bis 18. Mai statt. Weitere Informationen unter www.deutscher-wundkongress.de und www.bremer-pflegekongress.de.

Dr. Christian Münter,
Björn Jäger,
Dr. Barbara Springer,
Messe Bremen

Hier können Sie sich den ganzen Artikel herunterladen: DeWu-2017-Bericht (0,8 MB)

Tags: DeWu 2017
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