Hohe Impfquote macht Präsenz möglich

© Foto: BZH Kongress | Dr. Ernst Tabori

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Nach einer Pandemie-bedingten Pause im letzten Jahr fand der Kongress des Deutschen Beratungszentrums für Hygiene vom 6. – 8. Oktober 2021 wieder in Präsenz statt. Dr. Ernst Tabori freute sich, die 1200 Teilnehmer wieder „leibhaftig und persönlich“ vor Ort begrüßen zu dürfen. Dies sei der Solidarität der Kongressgäste zu verdanken, die durch ihre hohe Impfbereitschaft mit einer Impfquote von ca. 97% den Boden für eine sichere Veranstaltung geschaffen haben. 
Das Sicherheitskonzept wurde freundlich aber konsequent umgesetzt und von den Teilnhemern auch angenommen. Außerdem hatte das BZH zusammen mit der Freiburger Uniklinik einen Corona-Impfbus für den Donnerstag organisiert: rund 140 Personen nutzten dieses Impfangebot – überwiegend für Boosterimpfungen, es gab aber auch einige Erstimpfungen.

 

Themen des Kongresses im Überblick (gekürzte Fassung):  

Exotische Viren und ihre Vektoren

Eröffnet wurde der Kongress von Frau Dr. Doreen Werner vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandforschung, Müncheberg, mit ihrem Vortrag „Wenn es kreucht und fleucht“. Sie gab Einblicke in die Medizinische Entomologie, ein Teilgebiet der Insektenkunde, die sich mit den Beziehungen der Insekten zur Gesundheit von Menschen oder Tieren befasst.

Prof. Dr. Jonas Schmidt-Chanasit, Hamburg, referierte anschließend über virale Bedrohungen, u.a. durch Ebola und das West-Nil-Virus (WNV). Er betonte, dass kulturelle Aspekte stärker in den Blickpunkt geraten müssten und eine gute Aufklärung der Bevölkerung Voraussetzung für deren Mitarbeit und den Erfolg bei der Bekämpfung von Krankheiten ist,insbesondere von übertragbaren. Denn mittlerweile sei beispielsweise klar, dass sich bei Überlebenden einer Infektion das Ebolavirus noch mehrere Monate im Sperma nachweisen lässt. 


 

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SARS-CoV-2 aus hygienischer und infektiologischer Sicht

Prof. Dr. Stephan Harbarth stellte eine longitudinale Seroprävalenzstudie (Martischang R et al, ICHE 2021) bei Mitarbeitern des Schweizer Klinikums nach der 1. Welle vor. Ergebnis: bei  ca. 8% der Mitarbeitenden (MA) konnte eine Serokonversion nachgewiesen werden; dabei war das Risiko für ITS-Mitarbeiter vergleichbar mit dem von Verwaltungsmitarbeitern. Das größte Risiko für eine Serokonversion hatten MA, die Öffentliche Verkehrsmittel nutzten, solche mit Infektionen im privaten Umfeld gefolgt von MA aus der Geriatrie und bei nosokomialen Ausbrüchen. Aus Patientensicht sei eine nosokomiale Übertragung von COVID-19 häufig, wobei in Nicht-COVID-Abteilungen eine Übertragung von Personal auf Patienten wahrscheinlicher sei als von Patienten auf Personal.

Dies ist angesichts der zurzeit lebhaft diskutierten Frage nach der Einführung einer Impfpflicht für Beschäftigte in Gesundheitseinrichtungen eine besonders interessante und wertvolle Erkenntnis.

PD Dr. Christoph A. Fux vom Kantonsspital Aarau warf einen Blick auf COVID-19 aus klinisch-infektiologischer Sicht. Er ging u.a. der Frage nach, warum derzeit so viele alte Menschen trotz Impfung schwer erkranken und sterben. Das Immunsystem ist im Alter nicht mehr so nachhaltig wirksam und die Älteren wurden zuerst geimpft, daher nimmt der Immunschutz bereits wieder ab.


 

Sequenzierung und moderne mikrobiologische Diagnostik

Dr. Sandra Reuter, Freiburg, sprach über den Stellenwert des Next Generation Sequencing (NGS) bei der Ausbruchsanalyse. Während durch PCR-Nachweise immer nur ein spezifisches Gen nachgewiesen werden kann, ermöglicht die Gesamtgenomsequenzierung den Nachweis von Spezies-Subtypen, die Erkennung von Antibiotikaresistenzgenen und Virulenzfaktoren. Durch Aufklärung von Verwandtschaftsverhältnissen können Übertragungswege und Infektionsquellen bei Ausbrüchen identifiziert werden.

Auf den Stellenwert von Multiplex-PCR und Point-of-Care-Tests (POCT) bei der modernen mikrobiologischen Diagnostik ging Prof. Dr. Georg Häcker, Freiburg, ein. Die „klassische“ mikrobiologische Diagnostik benötigt viel Zeit für Kultur, Identifikation und Resistenztestung. POCT haben den Vorteil, dass sie direkt am Patienten durchgeführt werden, somit ein sofortiges Ergebnis (einfach zu interpretieren) liefern und einen schnellen Therapiestart ermöglichen.Beispiele sind Antigennachweise (z.B. Legionellen im Urin)oder PCR (SARS-CoV-2 im Nasen-Rachenabstrich). Allerdings sind quantitative Bestimmungen mittels POCT häufig schwierig, die Sensitivität der Tests ist variabel und Antibiotikaresistenztestungen limitiert.


 

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Surveillance und Präventation postperativer Wundinfektionen

Infektionssurveillance war Thema des Vortrags von Dr. Seven J.S. Aghdassi, Berlin, in dem er unterschiedliche Surveillanceansätze für verschiedene Fragestellungen vorstellte. Die zeitaufwändige Inzidenzsurveillance dient durch kontinuierliche Beobachtungen der Feststellung zeitlicher Trends. Die Prävalenzsurveillance liefert Momentaufnahmen und bietet eine Orientierung über den IST-Zustand; sie ist weniger aufwändig, aber anfällig für Zufallseffekte.


 

Antibiotic Stewardship (ABS)

Mit der Frage „Kann Big Data dem ABS-Team helfen?“ befasste sich Dr. Tim Eckmanns, Leiter des Fachgebiets Nosokomiale Infektionen, Surveillance von Antibiotikaresistenz und -verbrauch am RKI Berlin. Er stellte u.a. die vom Fachgebiet etablierte Antibiotika-Resistenz-Surveillance (ARS) und die Antibiotika-Verbrauchs-Surveillance (AVS) vor.

Elke Pielert berichtete über die Erfahrungen bei der Implementierung von ABS im Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara in Halle. Ein Blick auf die Zahlen seit Einführung verdeutlicht: die Antibiotika-Verbrauchszahlen sind seit 2016 deutlich zurückgegangen. Dabei ist der Verbrauch an Penicillinen gestiegen, der an Chinolonen deutlich zurückgegangen.

Dr. Jörg Bickeböller-Friedrich, langjähriger Klinikapotheker aus Ravensburg, sprach über Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) im Rahmen von ABS. Deren Ziel sei es, das richtige Medikament in richtiger Dosierung und Therapiedauer sowie über die optimale Applikationsform zu verabreichen. Eine vorangegangene mikrobiologische Diagnostik ist hierfür nötig.


 

Resistenz, Virulenz und die Bakterien-Fitness

Prof. Dr. Nico Mutters, Bonn, ging der Frage nach, inwieweit Resistenzgene die Fitness der Bakterien negativ beeinflussen können, wenn man davon ausgeht, dass zusätzliche Gene aufgrund des Mehraufwands an Energie für die Replikation auch einen Nachteil bedeuten.


 

Candida auris – der „Fungal Superbug“

Zur Epidemiologie, Präventionsmaßnahmen und Therapie der invasiven Pilzinfektionen referierte Prof. Dr. Birgit Willinger, Wien. In den vergangenen Jahren kam es weltweit zunehmend zu Ausbrüchen mit Candida auris in Krankenhäusern und – insbesondere bei immungeschwächten Patienten – zu schweren Infektionen mit Letalitätsraten von 33 – 72%.


 

Bauliche Infektionsprävention

Dr. Jan Holzhauser, Architekt aus Braunschweig, sprach über die bauliche Infektionsprävention und stellte Forschungsprojekte in diesem Bereich vor. Im Zuge des Projekts KARMIN wurde u.a. untersucht, ob als Reaktion auf das vermehrte Auftreten von MRE in Deutschland zukünftig Zweibettzimmer so gestaltet werden können, dass sie an die Qualität von Einbettzimmern herankommen und ausreichend infektionssicher sind.


 

Hygiene abwasserführender Systeme im Krankenhaus

Prof. Dr. Martin Exner, Bonn, ging auf die praktische Umsetzung der KRINKO-Empfehlung zu den Anforderungen der Hygiene an abwasserführende Systeme in medizinischen Einrichtungen ein. Abwasserführende Systeme können als Reservoir für nosokomiale Infektionserreger Ursache für u.U. jahrelang persistierende Ausbrüche im Krankenhaus sein.


Einen Kongressfilm finden Sie auf der Website des BZH unter https://www.bzh-freiburg.de/Hygienekongress

 

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