Nachgefragt: Was macht denn nun ein orthopädischer Schuhmacher eigentlich?

© Martin Kretzer, Orthopädieschuhmacher

© Martin Kretzer, Orthopädieschuhmacher

Wir haben nachgefragt bei Martin Kretzer, Orthopädie-Schuhmacher-Meister aus Dierdorf in der Nähe von Koblenz. Sein Familienunternehmen besteht seit 1953. Martin Kretzer hat das ehemalige Schuhgeschäft vom Vater übernommen und 1989 um das Angebot der Orthopädieschuhtechnik erweitert. Er verfügt über viel Erfahrung, berät außerdem die Industrie und hält Vorträge und Schulungen zu seiner Arbeit. Er stand uns Rede und Antwort.


Herr Kretzer, beschreiben Sie doch bitte kurz Ihre Aufgabe, bzw. Ihr Angebot für Patienten mit diabetischem Fußsyndrom.

Martin Kretzer: Unser Angebot besteht in der Analyse von typischen Fußproblemen, der Beratung zur optimalen Versorgung und dem Verkauf konfektionierter, also fertiger Produkte „von der Stange“, wie auch die Anfertigung vieler Produkte nach Maß. Dabei haben wir immer die Lebensqualität und den therapeutischen Nutzen unserer Kunden im Blick. Die Versorgung neuropathischer Füße, wie etwa bei Diabetikern, gehört sicher zu den anspruchsvolleren Aufgaben, da wir versuchen müssen, Schäden zu vermeiden, die zu schwerwiegenden Wunden und im schlimmsten Fall zur Amputation führen können. Das ist eine große Verantwortung. Die Anpassung von Schuhen bei Patienten, die bereits eine oder mehrere Wunden haben ist hingegen die „Formel 1“ der Schuhversorgung, da muss ich sehr genau arbeiten und das ist mitunter sehr zeitaufwändig und erfordert viel Erfahrung.

Was mögen Sie an Ihrem Beruf besonders?

Martin Kretzer: Mein Beruf ist sehr vielseitig und ich kann den Patienten eine echte Hilfe sein. Ich mag es, wenn meine Kunden das Geschäft zufrieden verlassen und besser laufen können. Das ist mein Beitrag für eine gute Lebensqualität. Da ich auch in unserer Innung organisiert bin und bereits internationale Vorträge und Schulungen zum Thema gehalten habe, konnte ich schon sehr oft den berühmten Blick über den Tellerrand wagen. Kenntnisse von ausländischen Kollegen, etwa aus Kanada oder der Türkei bringe ich mit und meine Patienten können davon profitieren. So biete ich spezielle sensomotorische Einlagen für Nichtdiabetiker an, mit denen ich das fasziale System anspreche. Oder ich verwende mobile 3D-Messtechniken bei Patienten, die aus gesundheitlichen Gründen nicht in mein Geschäft kommen können. Das ist zwar sehr aufwändig, aber die Patienten haben es verdient. Man könnte auch sagen, in meinem Beruf ist, wie in vielen anderen Medizinalfachberufen, ein Helfer-Syndrom von Vorteil.


Interprofessionalität ist für Patienten mit chronischen Wunden, wie diabetische Fußulzera ein wichtiger Aspekt. Wie erleben Sie das und wo sind Ihre Schnittstellen zu anderen Berufsgruppen?

Martin Kretzer: Ich freue mich immer, wenn ich echte interprofessionelle Zusammenarbeit erlebe. Häufig bin ich in Arztpraxen und berate vor Ort zur Versorgung mit Orthesen, Schuhen und Einlagen. Aber ich komme auch in Krankenhäuser und bespreche im Rahmen von Wundvisiten mit den Mitarbeitern des Wundmanagements die optimale Versorgung und schaue mir dabei auch die lokale Wundversorgung an. Hier sind Absprachen besonders wichtig und daher ist eine gute Kommunikation essenziell.

 

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Können Sie sich an einen Fall erinnern, der Ihnen besonders nachdrücklich im Gedächtnis geblieben ist?

Martin Kretzer: Da fallen mir gleich mehrere ein. Der erste ist mein eigener Vater. Er war Diabetiker und hat nach langem Leidensweg beide Beine verloren. Er litt unter der ganzen Bandbreite der Spätfolgen und ich habe an diesem traurigen Beispiel sehr viel über diese Krankheit gelernt. Beeindruckt hat mich die Arbeit seines Hausarztes, damals Internist, der sich immer viel Mühe mit meinem Vater gemacht hat. Mein Vater lebt leider schon lange nicht mehr, aber der Kontakt zu dem Arzt ist heute immer noch vorhanden. Er ist mittlerweile als Diabetologe tätig und damit aus meiner Sicht am richtigen Platz.

Ein anderer Fall, der mir im Gedächtnis geblieben ist, war ein Patient, dessen Freunde ihm vor vielen Jahren bei einer privaten Feier aus Spaß einen Sektkorken in den Schuh gelegt haben. Weil er aber diesen Gegenstand am nächsten und auch am übernächsten Tag beim Tragen des Schuhs nicht bemerkte, zog er sich eine schwere Verletzung zu, die später zu einer Teilamputation des Fußes führte. Seine Freunde wussten nichts von seiner Neuropathie und dem Risiko unbemerkter Verletzungen. Ich hätte mir damals auch nicht vorstellen können, dass es möglich ist, einen Korken im Schuh beim Gehen nicht zu bemerken. Den Scherz hat der Patient teuer bezahlt, aber er ist heute immer noch mein Kunde und ich konnte ihm durch meine Arbeit beide Füße erhalten.


Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, bezogen auf die Versorgung von Menschen mit diabetischem Fußsyndrom, welcher wäre das?

Martin Kretzer: Allgemein wünsche ich mir eine noch bessere Zusammenarbeit aller Berufsgruppen bei Patienten mit diesem Krankheitsbild. Zum Beispiel könnte dies über gemeinsame Qualitätszirkel gelingen. Daran würde ich auch sofort mitarbeiten, wenn sich die Gelegenheit ergäbe.
Konkret wünsche ich mir außerdem, dass Einlagen nur noch mit geeigneten Schuhen verordnet werden dürfen. Der Grund ist, dass Einlagen ausreichend Platz im Schuh brauchen, den sie in normalen Straßenschuhen nicht haben. Diabetesgerechte Schuhe hingegen können Weichbettungen bis zu 1 cm Stärke problemlos aufnehmen und sitzen trotzdem gut, ohne ein erhöhtes Verletzungsrisiko zu haben. Einige Krankenkassen sehen diese Forderung als unnötigen Kostenfaktor, aber ich weiß aus Erfahrung, dass eine gute Einlage ohne geeigneten Schuh einen geringen Nutzen hat.

 

Das Interview führte Martin Motzkus.

 

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