Wundmanagement in den sozialen Medien

Hintergrund
Seit 2011 existiert eine Facebook- Gruppe namens ,,Wundmanagement‘‘ mit derzeit 10.281 Mitgliedern (Stand vom 14.08.2019). Ins Leben gerufen wurde sie 2011 von Sebastian Kruschwitz aus Berlin. Der gelernte Krankenpfleger und Pflegetherapeut Wunde ICW arbeitet als Fachbereichsleitung Wundmanagement im Zentrum für Beatmung und Intensivpflege in Berlin und betreut die Facebook-Gruppe zusammen mit seinem sechsköpfigen Fachmoderatorenteam ehrenamtlich in seiner Freizeit.

Die Gruppe ist sehr aktiv und es werden Wundthemen oder Fälle vorgestellt und diskutiert. Auch Beiträge unserer Zeitschrift WUNDmanagement waren dort schon einige Male ein Thema. Das uns natürlich neugierig gemacht, zumal ja zufällig auch der Name gleich lautet, und ich wollte mehr über die Gruppe, ihre Struktur und ihre Ziele wissen. Aus einigen Treffen mit Sebastian Kruschwitz entstand das folgende Interview.

WUNDmanagement:
Sebastian, Du bist der Administrator der mitgliederstärksten Facebook-Gruppe in Deutschland zum Thema chronische Wunden mit aktuell über 10.000 Mitgliedern. Wie kamst Du auf die Idee, diese Gruppe zu gründen und wie fing das so an?

Sebastian Kruschwitz:
Nach meiner Weiterbildung zum Wundexperten ICW und der darauffolgenden Qualifizierung zum Pflegetherapeuten ICW 2011, suchte ich nach einem Weg, um mich mit anderen Kursabsolventen/Kollegen über die Wundversorgung in Verbindung zu setzen. Direkt nach der Ausbildung hat man ja viele Fragen und möchte sich gern austauschen. So gründete ich die Facebook-Gruppe Wundmanagement. Es sollte eine Wund-Plattform für die Berufsgruppe sein, die mit Chat oder Möglichkeit für einen Blog verbunden sein sollte. Des Weiteren gab und gibt es nach wie vor immer noch sehr viele Irrtümer und Mythen im Bereich der Wundversorgung. Hier kam dann die Aufklärung mit ins Spiel. In den ersten Jahren waren wir ein recht kleiner Kreis von ca. 30 Leuten. Doch 2011/12 kamen auch immer mehr Wundtherapeuten aus Österreich dazu, das gab irgendwie einen Schub und seither wächst die Gruppe stetig. Später kamen dann auch Wundtherapeuten aus der Schweiz dazu.

WUNDmanagement:
Wer ist an der Gruppe beteiligt und wie läuft das so?

Sebastian Kruschwitz:
Im Moment haben wir über 10.281 Mitglieder, pro Woche kommen knapp 20-30 neue Mitglieder dazu, an manchen Tagen sind es auch schon mehrere Hundert gewesen. Die Mitglieder kommen aus allen möglichen Bereichen: Pflegekräfte, Ärzte, Patienten, Angehörige, Industrievertreter, interessierte Fachleute. Die Idee hinter der Gruppe ist der Erfahrungs-/ Informationsaustausch und die bessere Vernetzung zum Thema ,,moderne Wundversorgung''. Die meisten Mitglieder in der Gruppe sind stille Leser der Threads (= Diskussionsbeiträge). Aktive Mitglieder sind derzeit sind: 9.072,0 (gemessen für den Zeitraum 15.7.–11.8.2019). Die Mitglieder kommen meist aus dem deutschsprachigen Raum: 8.460 aus Deutschland, gefolgt von Österreich mit 1.291 und der Schweiz mit 242 Mitgliedern. Natürlich haben wir auch weitere Länder mit vertreten: Italien (22), Luxemburg (14), Marokko (12), Frankreich (11), Türkei (11), Rumänien (10), Niederlande (9) etc... Der Anteil von Frauen dominiert mit 81,1 %, 18,8 % sind Männer und 0,1 % divers. An großen Städten liegen Berlin (477), Wien (445) und Hamburg (276) vorn. Die meisten Beiträge werde am Nachmittag oder Abend gepostet, wenn die Leute von der Arbeit nach Hause kommen. Die beliebtesten Tage sind nach wie vor Dienstag und Sonntag, da laufen die Beiträge/Diskussionen/Reaktionen auch gerne mal bis in die tiefen Nachtstunden.

WUNDmanagement: 
Werden die Inhalte inhaltlich und sprachlich geprüft?

Sebastian Kruschwitz:
Ja natürlich – das ist ja Standard und auch vorgeschrieben. Wir haben derzeit 6 Moderatoren im Einsatz, die alle Beiträge prüfen, bevor sie online geschaltet werden (s. Kasten am Ende des Artikels). Im Infoteil sind auch Regeln wie Höflichkeit und Freundlichkeit, Werbefreiheit und den Respekt der Privatsphäre anderer, sowie Regeln zu Posts zum Thema Wundversorgung (Anonymisierung, Genehmigung für Fotos, Wunddokumentation etc.) aufgeführt. Bei manchen Beiträgen handelt es sich dann aber auch um Betroffene oder Angehörige die bestimmte Informationen nicht vorhalten können. Dies sollte dann im Kommentar hinterfragt werden, was zugegebenermaßen leider nicht immer in vollem Umfang gelingt, da wir schon mit 6 Moderatoren jetzt sehr viel zu tun haben.

WUNDmanagement:
Das klingt alles sehr zeitaufwändig – wieviel Zeit benötigen Du und die Moderatoren für die Pflege der Gruppe?

Sebastian Kruschwitz:
das ist unterschiedlich und kommt immer auf die Zahl der Beiträge an. Aber 1–2 mal täglich schaue ich schon in die Gruppe. Die Moderatoren schauen rein, wenn Sie Zeit haben.

WUNDmanagement:
Werdet ihr dafür irgendwie bezahlt??

Sebastian Kruschwitz:
Nein, wir arbeiten alle ehrenamtlich und es ist uns wichtig, die Gruppe werbefrei zu gestalten. Zu Beginn haben viele Leute die Gruppe genutzt, um Werbung für Veranstaltungen etc. zu machen. Dafür haben wir jetzt eigene Rubriken eingerichtet, Veranstaltungskalender, Stellenportal, Buchempfehlungen. Damit soll der Hauptfokus auf den eingereichten Beiträgen und den Fragestellern liegen.

WUNDmanagement:
Wie hat sich die Gruppe im Laufe der Jahre verändert?

Sebastian Kruschwitz:
Ich denke zwei Dinge haben sich geändert. Zum einen besuchen immer mehr Angehörige von Wundpatienten die Gruppe und suchen Informationen, aber auch Patienten direkt kommen und suchen Rat und Hilfe. Auffällig zugenommen haben Fragen zu Wunden der ästhetischen Chirurgie mit Heilungsstörungen. Zum anderen zeigt sich in den Bei Soträgen über die zeit die zunehmende Professionalisierung der Pflegenden, die sich neben den reinen Fragen zu Wundversorgung auch für strukturelle und politische Aspekte des Wundmanagements interessieren. Aber es gibt auch die Kehrseite. So werden Dinge von ausgebildeten Fachpersonal gefragt, die eigentlich Gegenstand der tagtäglichen Arbeit und der Grundausbildung sind. Wir haben immer wieder das schöne Beispiel: Dass in einem Kommentar zu einer Frage zu einer Wunde nicht erst nach den wundbeeinflussenden Faktoren gefragt wird, sondern gleich verschiedenste Wundauflagen von verschiedensten Herstellern empfohlen werden. Hier müssen wir als Therapeuten auch eingreifen und eine geeignete Sprache finden. Ein guter Anfang wäre es aus meiner Sicht, mit Oberbegriffen der einzelnen Wundauflagen zu arbeiten und nicht nur den Handelsnamen zu nennen.

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WUNDmanagement:
Du bist mit Engagement und Herzblut schon so lange dabei – Was fasziniert Dich persönlich an der Gruppe?

Sebastian Kruschwitz:
Momentan bin ich von der Mitgliedergröße mit am meisten fasziniert und von wo die Leute überall herkommen. Weiterhin bin ich von der Vielzahl der Berufsgruppen beeindruckt Und natürlich finde ich es toll, wenn wir Leuten tatsächlich Hilfestellungen geben konnten, wie Tipps zur Kontaktfindung zu einem freiberuflichen Wundtherapeuten oder zu einem Wundzentrum. Trotz der Fülle an Informationen aus dem Internet scheint dies immer noch ein großes Defizit zu sein und die Leute wissen nicht, wohin sie sich wenden können. Oder wenn wirklich obsolete Behandlungen nach Fragestellung in der Gruppe auf den richtigen Weg gebracht werden konnten. Wenn neue Produkte auf den Markt kommen und diese dann diskutiert werden – das alles finde ich immer wieder spannend und inspirierend. Es entstehen immer wieder interessante Diskussionen und jeder Beitragsstrang (Thread) zu einer Frage/Diskussionspunkt endet völlig anders. Man kann auch deutlich lesen, wo die Defi- zite in der Versorgung von Menschen mit (chronischen) Wunden stecken. Die Gruppe ist hier auch in gewisser Weise ein Spiegelbild, der momentanen gesundheitspolitischen Aspekte in der Versorgung. In Österreich und der Schweiz ist das natürlich anders.

WUNDmanagement:
Welche Relevanz hat für die Dich die berufliche Kommunikation über die sozialen Medien?

Sebastian Kruschwitz:
Das spielt sicherlich zunehmend eine wichtigere Rolle, besonders für die jüngere Generation. Gerade die Vernetzung und der Austausch, aber auch die Aufklärung, Information über bestimmte Themenfelder der Wundversorgung sind da wichtig. Sicherlich sind die online Medien auch schnelle Medien, wenn es um politische Entscheidungen geht, wo in kurzer zeit viele Mitglieder erreicht werden sollen, die aktiv werden müssen, wie zum Beispiel bei Umfragen, Petitionen o.ä..

WUNDmanagement:
Gibt es noch andere „Wundgruppen" bei Facebook ?

Sebastian Kruschwitz:
Ja, es noch andere Wundgruppen bei Facebook, z. B. „wunden-verbinden.de" mit ca. 700 Mitgliedern, oder °Wundexperten/ Wundmanagement" mit 2.932 Mitgliedern (Stand August 2019). Ich bin auch bei allen diesen Gruppen Mitglied, dort aber eher als stiller Mitleser. WUNDmanagement: Ich habe im Informationsteil der Gruppe etwas zu einem Mentorship-Programm gelesen. Was hat es damit auf sich? Sebastian Kruschwitz: In diesem Bereich können erfahrene Mitglieder andere Mitglieder zu Fragen rund um die Wundversorgung schulen. Diese Möglichkeit haben wir bisher aus Zeitgründen aber noch nicht in Anspruch genommen und wir auch keine Kriterien für die Mentorenauswahl erarbeitet haben.

WUNDmanagement:
Was läuft gerade Aktuelles in der Gruppe?

Sebastian Kruschwitz:
Seit dem 28.06.2019 hat die Gruppe die Zahl von 10.000 Mitgliedern überschritten. Soträgen zusagen als Dank bieten wir mehrere Gewinnspiele an. Das läuft so, dass ein Preis von einer Institution oder Firma gestiftet wird und die Mitglieder können dann über einen Kommentar zu dem Preis sozusagen ihr Los abgeben. Jeder Preis ist eine Woche in der Verlosung, dann wird ein Gewinner gezogen. Es werden derzeit noch fleißig Preise gestiftet und die Aktion wird sich sicherlich noch bis in den Herbst. Aber auch hier verdienen wir als Gruppenmacher damit kein Geld. Vermutlich werden wir noch vereinzelt Aktionen dieser Art durchführen, aber nicht regelmäßig.

WUNDmanagement:
Was wünscht Du der Gruppe für die Zukunft?

Sebastian Kruschwitz:
Ich wünsche mir, dass sich die Leute etwas mehr Zeit nehmen, sowohl beim Schreiben, Lesen aber auch Beim kommentieren. Es ist wichtig und sinnvoll, sich empathisch mit dem Fragesteller auseinanderzusetzen und Dinge konstruktiv zu hinterfragen und nicht vorschnell jemanden abzuurteilen. Es passiert leider auch, dass der Ton in einer Diskussion auch mal ruppiger wird und der eine oder andere sich rhetorisch "Luft machen" möchte. Das geht natürlich so nicht – dafür haben wir die Gruppenregeln. Passiert es aber doch, wird immer als erstes die Kommentarfunktion gelöscht. Wir mussten in der Tat auch schon mehrfach Mitglieder aus der Gruppe herausnehmen, die sich nicht an die Gruppenregeln halten konnten.

WUNDmanagement:
Sebastian, vielen Dank für die Informationen und die offenen Worte. Zusammenfassend kann man also sagen, dass es so aussieht, dass in der Wundversorgung immer noch sehr viele Fragen bei Versorgenden und Betroffenen offen sind und sie nicht nur über die Fachgesellschaften oder in den Fachzeitschriften, sondern gerade auch im Netz und in den sozialen Medien Antworten und Informationen suchen. Man kann sicher darüber streiten, ob Facebook dafür eine geeignete Plattform für dieses doch hochsensible Thema ist, aber die hohe Zahl der Mitglieder die sich dort mit dem Thema befasst, zeigt, dass der Bedarf nach Austausch gerade im Netz da ist und nicht ignoriert werden kann. Eure Facebookgruppe ist sozusagen Anlaufstelle und bietet die Möglichkeit, sich im Social- Networking einzubringen, zu hinterfragen, mit zu diskutieren und neue und andere Wege im Informationsaustausch zu gehen. Über die Verantwortung Euch als Administrator als Moderatoren für den konstruktiven und wertschätzenden Austausch innerhalb der Gruppe haben wir ja schon gesprochen. Ich würde mich freuen, wenn Du für unsere Leser immer mal wieder von aktuellen und spannenden Diskussionen aus der Gruppe berichten würdest und danke Dir herzlich für das Gespräch! Barbara Springer, Redaktion   

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Daten und Fakten zur Facebook-Gruppe Wundmanagement
Art der Gruppe: Facebook, Kategorie: geschlossene Gruppe Mitgliederzahl: 10.281 (Stand 14.8.2019)
Admin: Sebastian Kruschwitz: exam. Krankenpfleger Pflegetherapeut Wunde ICW Fachbereichsleitung Wundmanagement im Zentrum für Beatmung und Intensivpflege GmbH Berlin 
Moderatorenteam:

  • Sandra Düvel, examinierte Krankenschwester, angestellt in einer Arztpraxis als NäPa, Wundexpertin ICW und Fußpflege in Frankfurt am Main
  • Judith Pfeffer, Bezirkskeitung (BL), DGKP und ZWM, mobile Krankenpflege Rotes Kreuz Pinzgau LV Salzburg (A)
  • Gilbert Hämmerle, DGKP, AZWM, Leitung Wundambulanz Landeskrankenhaus Bregenz (A)
  • Astrid Götz, Pflegefachfrau DN2, WEX SAfW, Ambulante Wundpflege Soto in Zürich (CH)
  • Prof. Dr. Sebastian Probst, Professor in Wundpflege an der Fachhochschule Westschweiz, Genf, Haute Ecole de Santé Genève (CH) 
  • Paul Brodträger, DGKP, Intensivdiplom, Wunddiagnostik und Management beim OEGVP, lkh Univ. Klinikum Graz, Innere Medizin Intensivstation (A)
Tags: Facebook
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