Nachlese: BVMed-Hygieneforum

© Podiumsdiskussion beim BVMed-Hygieneforum 2021

© Podiumsdiskussion beim BVMed-Hygieneforum 2021

Gudrun Westermann
 

Am 8.12.2021 fand das BVMed-Hygieneforum statt, in dem von der Infektionsprävention bei der medizinischen Versorgung von immunsupprimierten Patienten über die Sensibilisierung und Aufklärung über Sepsis bis hin zum Umgang mit erregerbedingten Krankheiten in der Notaufnahme unter dem Aspekt der COVID-19-Pandemie viele interessante Themen abgedeckt wurden.

 

Von Empfehlungen und deren Evidenz

Nach der Eröffnung durch Daniela Piossek, Leiterin des Referats Gesundheitspolitik beim BVMed, hielt Prof. Christine Geffers, Nationales Referenzzentrum für die Surveillance von nosokomialen Infektionen, ihren Vortrag zur aktuellen KRINKO-Empfehlung zu Anforderungen an die Infektionsprävention bei der medizinischen Versorgung von immunsupprimierten Patienten. Sie rief die Bedeutung der Basishygienemaßnahmen in Erinnerung. Im Hinblick auf die 5 Indikationen zur Händedesinfektion sagte sie, dass die Händedesinfektion bei aseptischen Tätigkeiten oft problematisch ist. Offenbar sei diese Indikation zu abstrakt. Sie betonte, dass es dabei darum geht, beim Umgang mit besonders vulnerablen Flächen, z.B. Wunden, eine direkte Infektion – nicht nur Kontamination – zu verhindern.
Zur KRINKO-Empfehlung merkte Geffers einschränkend an, dass nur 9% der Empfehlungen evidenzbasiert seien (Kategorie Ia oder b), ein großer Anteil seien aber reine Expertenmeinungen, die sich nicht zweifelsfrei durch Evidenz belegen lassen.
Auf die Empfehlungen der Kategorie Ia und b ging sie anschließend im Detail ein. An oberster Stelle steht die Händehygiene, auch die Schulung von Personal und auch Patienten dazu. Eine regelmäßige Mund- und Zahnpflege ist ebenfalls zu empfehlen, der generelle Einsatz von Chlorhexidin allerdings nicht.
Empfehlungen mit Evidenz sind ebenfalls der Impfschutz beim Personal mit engem Umgang mit solchen Patienten. HEPA-gefilterte Luft für bestimmte Patienten, z.B. AML in der Induktionstherapie. Das ONKO-KISS-System zur Surveillance bietet gute Zusatzinformationen zu dieser Patientengruppe, die extrem infektionsgefährdet ist.
Weiter stellte Geffers Empfehlungen für Besucher vor, z.B. Anweisung zur Händedesinfektion und Tragen eines MNS.
Auf den vollständigen Impfschutz bei Patienten und auch Besuchern sollte hingewirkt werden.
Zu antiseptischen Körperwaschungen gibt es keine klare Empfehlung.
Die neutropenische Diät wird ausdrücklich nicht empfohlen. Es gibt dazu keine soliden Beweise für die Effizienz, dabei bedeutet sie aber deutliche Einbußen an Lebensqualität für die Patienten. Stilles Wasser sollte vermieden werden, auch Tee ist problematisch, wenn er nicht mehrere Minuten sprudelnd gekocht wurde.
Aspergillus fumigatus ist ubiquitär vorhanden und stellt für Immunsupprimierte eine ernste Gefahr dar. Die Erreger können z.B. auch die Nasennebenhöhlen besiedeln, deshalb ist die Unterbringung in Räumen mit filtrierter Luft im Hinblick darauf nicht unbedingt zielführend, weil die Patienten die Erreger bereits mitbringen.

Die Notaufnahme in der COVID-19-Pandemie

Dr. Marc Wieckenberg, Evang. Krankenhaus Göttingen-Weende, beschrieb den Umgang mit erregerbedingten Krankheiten in der Notaufnahme unter dem Aspekt der COVID-19-Pandemie. So wurden Patienten in verschiedene Risikogruppen eingeteilt, um frühzeitig mögliche COVID-Patienten abzusondern. Nach dem Eingang wird zunächst eine hygienische Ersteinschätzung durchgeführt, um Patienten zu identifizieren, die eine hohe Wahrscheinlichkeit haben, COVID-Patienten zu sein. Auch die Maßnahmen in der Notaufnahme ebenso wie die Wegeführung wurden also an das aktuelle Risiko angepasst. Eine erste Triage wurde z.B. schon im Rettungswagen durchgeführt.
Verknüpft mit der Risikostratifizierung wurden auch Maßnahmen in einem speziellen Hygieneplan festgelegt, z.B. zum Umgang mit Materialien und Oberflächen in den für COVID-Patienten genutzten Räumen.
Was kann man nun für die weiteren Wellen aus den bisherigen Erfahrungen mitnehmen? In der Zentralen Notaufnahme wurden zwei Teilbereiche – septisch und aseptisch – angelegt, denen die Patienten nach einer hygienischen Ersteinschätzung zugeordnet werden. Ein flexibles Raumkonzept stellt die Basis dar. So können Räume dem Aufkommen an COVID-Patienten oder auch Patienten mit anderen infektiösen Erkrankungen angepasst werden.
Auch abgesehen von der Pandemie könnte die ZNA durch so ein Konzept übergeordnete Aufgaben übernehmen, wie die Einleitung von angemessenen Schutzmaßnahmen, die essentiell für den Schutz von Mitarbeitenden und Patienten sind.
 

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Der Beitrag des Gesundheitswesens zum Klimawandel

Prof. August Stich, Chefarzt der Tropenmedizin an der KWM Missioklinik in Würzburg, sprach über Klimawandel und Tropenkrankheiten, blickte aber auch darüber hinaus. Die Hauptherausforderung ist nicht Corona mit seinen Varianten Delta und jetzt Omikron, sondern der Klimawandel. Stich zählte verschiedenen Ereignisse der letzten Jahre auf, die deutlich auf die Problematik hinweisen.
Das Gesundheitswesen bezeichnete er als einen der Haupttreiber des Klimawandels – die Emissionen liegen höher als im Luftverkehr. Dies ist den meisten gar nicht bewusst.
Neben dem Verlust von Regenwäldern und Biodiversität führt auch die stetig wachsende Kluft zwischen Arm und Reich auf der Welt zu Problemen.
Hitzewellen beeinträchtigen beispielsweise Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, aber auch andere, z.B. geburtshilfliche Komplikationen nehmen zu. Auch die Tierwelt verändert sich, z.B. das Verhalten von Zugvögeln, und vektorübertragene Erkrankungen wie West-Nil-Fieber werden zunehmend in Deutschland beobachtet.
Moskitoeier werden über den länderübergreifenden Reifenhandel weltweit verbreitet. So konnten sich in der Schweiz und auch in Thüringen bereits stabile Populationen der Asiatischen Tigermücke ansiedeln. Ebenso ist die Anopheles-Mücke in Europa längst heimisch, sagte Stich. Wir werden also in Zukunft mehr eigentlich tropische Krankheiten hier bei uns sehen. Die Tuberkulose breitet sich weiter aus, gerade bei Patienten mit Migrationshintergrund ist bei unklaren Organbeschwerden daran zu denken.
Um diesen Herausforderungen gerecht zu werden, müssen alle Disziplinen ins Boot geholt werden im Sinne eines Planetary-Health-Ansatzes.
Auch im Gesundheitswesen gibt es einige Ansätze, um klimaschädliche Substanzen zu reduzieren, so z.B. bei den Narkosegasen, bei Inhalatoren oder auch bei der Mobilität von Mitarbeitern und Patienten, sagte Stich abschließend.

 

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Weitere Vorträge über die Patientenaufklärung von Sepsisgefahren, Ausbruchsfrüherkennung, Tuberkulose-Revival, Antibiotikaresistenz-Ermittlung mithilfe von KI uvm. finden Sie im Kongressbericht (Download als pdf).

Alle Vorträge des BVMed-Hygieneforums können Sie hier abrufen.

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