Nachhaltigkeit in deutschen Kliniken: Vom Handlungsbedarf zu den ersten Schritten

© iStock.com/PanAek

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von Susanne Moser

Ab 2025 müssen auch Kliniken ab einer bestimmten Größe einen Nachhaltigkeitsbericht vorlegen. So haben es die zuständigen EU-Gremien mit der neuen Corporate Sustainability Reporting Directive im November 2022 beschlossen. Was kommt jetzt auf die deutschen Krankenhäuser zu? Wie nachhaltig arbeiten sie bereits heute?


Mitte November 2022 hat das EU-Parlament für die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD; Richtlinie für die Nachhaltigkeitsberichterstattung in Unternehmen) und damit für neue Regeln zu Berichtslegung gestimmt. Ende November 2022 folgte die abschließende Bestätigung durch den Europarat. Jetzt haben die EU-Mitgliedstaaten 18 Monate Zeit, die CSRD umzusetzen.[1,2]


Nachhaltigkeitsberichte auch für deutsche Kliniken verpflichtend?

Mit der neuen CSRD möchte man unter anderem dem „Greenwashing" ein Ende setzen und die soziale Marktwirtschaft in der EU stärken. Sie erweitert die seit 2014 geltende Non-Financial Reporting Directive (NFRD) – aus zwei Blickwinkeln:

  • Die inhaltlichen Anforderungen gehen über jene der NFRD hinaus. Unternehmen müssen jetzt berichten, wie sich ihre Geschäftsmodelle auf die Nachhaltigkeit auswirken und wie äußere Nachhaltigkeitsfaktoren – beispielsweise der Klimawandel oder Menschenrechtsfragen – ihre Aktivitäten beeinflussen.[1-3]

  • Die Anzahl der berichtspflichtigen Unternehmen vervielfacht sich schrittweise von derzeit rund 12.000 auf 50.000. So müssen ab dem 01.01.2025 auch Unternehmen einen Nachhaltigkeitsbericht erstellen, für die die NFRD bislang nicht galt. Die folgenden neuen Kriterien für die Berichtspflicht treffen auch auf manche deutschen Krankenhäuser zu: ab 250 Beschäftigten und/oder ab einem Umsatz von 40 Millionen Euro und/oder ab einer Bilanzsumme von 20 Millionen Euro. Ihre ersten Berichte nach Vorgaben der CSRD werden im Jahr 2026 fällig.[1,2]


Nachhaltiger Handlungsbedarf

Bis zum Stichtag 01.01.2025 sind es noch knapp zwei Jahre, in denen sich deutsche Krankenhäuser auf das Nachhaltigkeitsthema einstellen können. Denn es gibt eine Menge zu tun:

  • Ihr Energieverbrauch ist hoch. Schätzungen gehen von durchschnittlich 5.800 kWh Strom und 29.000 kWh Wärme pro Bett und Jahr aus. Zur Orientierung: Vier Menschen in einem Einfamilienhaus verbrauchen jährlich 3.000 bis 4.000 kWh Strom.[4]

  • Sie produzieren täglich bis zu acht Tonnen Abfall. Damit rangieren die Kliniken hierzulande auf Platz 5 der größten Müllproduzenten.[5]


Angesichts dieser Fakten drängt sich die Frage auf, inwieweit sich die Klinikverantwortlichen mit dem nachhaltigen Wirtschaften bereits auseinandergesetzt haben. Auf der Suche nach Antworten stößt man auf sehr unterschiedliche Aktivitäten. Sie reichen von staatlichen Förderprogrammen über Verbundprojekte bis zu den Initiativen einzelner Krankenhäuser.


1,8 Millionen für den Klimaschutz in bayerischen Krankenhäusern

So kündigte das bayerische Gesundheitsministerium im Juli 2022 an, den Klimaschutz in den Krankenhäusern des Freistaats mit insgesamt 1,8 Millionen Euro zu fördern. Im Rahmen der Green HospitalPLUS Initiative möchte man „bisherige Nachhaltigkeitsmaßnahmen evaluieren und einen Leitfaden für Nachhaltigkeit in Krankenhäusern entwickeln“. Dazu sollen in 25 „repräsentativ ausgewählten Plan-Krankenhäusern“ Potenziale für mehr Klimaneutralität identifiziert werden. Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt vom „Zentrum für Klimaresilienz“ der Universität Augsburg. Außerdem hat der Freistaat eine Bundesratsinitiative gestartet: Über einen Zeitraum von drei Jahren soll der Bund jährlich 500 Millionen Euro für klimafreundliche Maßnahmen im Klinikbereich bereitstellen.[6]


KLIK green-Projekt: 200.000 Tonnen Klimagase eingespart

Bayern ist allerdings kein Nachhaltigkeitsvorreiter. Bereits seit 2014 geht es im Projekt „KLIK green“ darum, wie Krankenhäuser einen Beitrag zum Klimaschutz leisten können. Das jüngste Teilprojekt „KLIK green – Krankenhaus trifft Klimaschutz“ endete am 30.04.2022 nach drei Jahren Laufzeit. An dem Vorhaben beteiligten sich die Umweltorganisation BUND Berlin, die Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen und das Universitätsklinikum Jena sowie 200 Krankenhäuser und 50 Rehabilitationsreinrichtungen. Ihr Ziel war es, die Energie- und Ressourceneffizienz zu steigern und damit den Ausstoß klimaschädlicher Gase zu reduzieren. Dazu wurden 187 Klimamanager ausgebildet, die in ihren Häusern etwa 1.600 Maßnahmen realisierten. So gelang es den Projektpartnern, während der Projektlaufzeit mindestens 200.000 Tonnen Kohlendioxid-Äquivalente einzusparen.[7]

Mehr als Strom sparen: Ideen für die nachhaltige Krankenhausversorgung

Wie sehen die Maßnahmen für mehr Nachhaltigkeit im Klinikbetrieb konkret aus? Im KLIK green-Projekt stellten sich vier Ansatzpunkte als besonders effizient heraus:[7]

  • Bedarfsgerechte Beleuchtung und Belüftung
  • Stromgewinnung aus erneuerbaren Energien und effizientere Wärmeversorgung
  • Reduktion klimaschädlicher Narkosegase
  • Anpassung der Verpflegung – weniger Fisch, Fleisch, Lebensmittelreste und Energieaufwand


Weitere Anregungen aus der Praxis liefert die KLIK green-Datenbank.

Auch jenseits von Förderprojekten engagieren sich einzelne Kliniken für mehr Ressourcenschonung und versuchen dabei, Nachhaltigkeit mit hohen Hygieneanforderungen in Einklang zu bringen. Sie recyclen die Materialien chirurgischer Einweggeräte, steigen auf OP-Mehrwegbesteck um, verwenden umweltschonende Reinigungsmittel oder verbannen Plastikgeschirr aus der Kantine. [8-10]

Es bleibt abzuwarten, welche dieser Aktivitäten (und darüber hinaus) man ab 2026 in den ersten Nachhaltigkeitsberichten nachlesen kann.

 


 

Quellen:

  1. Sustainable economy: Parliament adopts new reporting rules for multinationals. Pressemitteilung des Europäischen Parlaments, 10.11.2022, unter: https://www.europarl.europa.eu/news/en/press-room/20221107IPR49611/sustainable-economy-parliament-adopts-new-reporting-rules-for-multinationals (abgerufen am 19.12.2022)
  2. Council gives final green light to corporate sustainability reporting directive. Pressemitteilung des Europäischen Rats, 28.11.2022, unter: https://www.consilium.europa.eu/en/press/press-releases/2022/11/28/council-gives-final-green-light-to-corporate-sustainability-reporting-directive/ (abgerufen am 19.12.2022)
  3. Corporate sustainability reporting. Europäische Kommission, unter: https://finance.ec.europa.eu/capital-markets-union-and-financial-markets/company-reporting-and-auditing/company-reporting/corporate-sustainability-reporting_en (abgerufen am 19.12.2022)
  4. Umfrage: In vielen Krankenhäusern besteht beim Klimaschutz noch Handlungsbedarf. Deutsches Ärzteblatt, 09.06.2022, unter: https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/134899/Umfrage-In-vielen-Krankenhaeusern-besteht-beim-Klimaschutz-noch-Handlungsbedarf (abgerufen am 19.12.2022)
  5. Lenzen-Schulte M. Medizinische Abfallentsorgung: Wenn Abfall nicht einfach Müll ist.  Abfälle aus der humanmedizinischen oder tierärztlichen Versorgung. Dtsch Arztebl 2019; 116(3): A-96 / B-80 / C-80, unter: https://www.aerzteblatt.de/archiv/204540/Medizinische-Abfallentsorgung-Wenn-Abfall-nicht-einfach-Muell-ist (abgerufen am 19.12.2022)
  6. Holetschek treibt Klimaschutz in bayerischen Kliniken voran – Bayerns Gesundheitsminister: Freistaat fördert Green HospitalPLUS Initiative des Zentrums für Klimaresilienz der Universität Augsburg mit rund 1,8 Millionen Euro. Pressemitteilung des Bayerischen Staatministeriums für Gesundheit und Pflege, 22.07.2022, unter: https://www.stmgp.bayern.de/presse/holetschek-treibt-klimaschutz-in-bayerischen-kliniken-voran-bayerns-gesundheitsminister/ (abgerufen am 19.12.2022)
  7. Projekt KLIK green – Krankenhaus trifft Klimaschutz. Klimaschutzpraxis für ein zukunftsfähiges Gesundheitswesen. Ergebniszusammenfassung 29.03.2022, unter: https://www.klik-krankenhaus.de/fileadmin/user_upload/Pressemitteilungen/Presseveroeffentlichung_zur_KLIK_green_Abschlussbilanz.pdf (abgerufen am 19.12.2022)
  8. Uniklinik Bonn recycelt chirurgische Einweggeräte. Ärztezeitung, 06.12.2022, unter: https://www.aerztezeitung.de/Wirtschaft/Uni-Bonn-Recycling-chirurgischer-Einweggeraete-434860.html (abgerufen am 19.12.2022)
  9. Dikken B. Den Umweltschutz immer im Fokus: Nachhaltiges Hygienemanagement in Zeiten der Pandemie. Procare. 2021;26(6-7):16-17. unter: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC8445790/ (abgerufen am 19.12.2022)
  10. Das plastikfreie Frühstückstablett. Blog Umweltzone Berlin, BUND Berlin, 05.01.2022, unter: https://umweltzoneberlin.de/2022/01/05/das-plastikfreie-fruehstueckstablett/ (abgerufen am 19.12.2022)

 

 

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