Verbesserung der Kompressionstherapie durch Schulung?

© iStock.com/zlikovec

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von Jan Timm

Die Kompressionstherapie ist eine Standardbehandlung in der Grundversorgung von Menschen mit Ulcus cruris venosum (UCV) [1]. Sachgerecht angelegte Kompressionsverbände sichern hierbei den Entstauungserfolg, ermöglichen die Abheilung des UCV und gewährleisten die Lebensqualität des Patienten. Allerdings haben viele Versorger Schwierigkeiten, Kompressionsbandagierungen mit Kurzzugbinden adäquat auszuführen [2]. Eine besondere Herausforderung stellt hierbei für viele Anwender der therapierelevante Druckwert dar, der bei der Behandlung von Menschen mit UCV unterhalb der Kompressionsbandagierung 40-60 mmHg betragen sollte.

Eine im März dieses Jahres veröffentlichte Studie des Institutes für Versorgungsforschung in der Dermatologie und bei Pflegeberufen (IVDP) am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf zeigte auf, dass die Fähigkeit, sachgerecht ausgeführte phlebologische Kompressionsverbände (PKV) anzulegen, im Zuge einer Schulungsmaßnahme in einigen Aspekten verbessert werden konnte [3]. Hierfür wurden 55 Teilnehmer aus dem Krankenhaus und der ambulanten Pflege über einen Zeitraum von drei Monaten beobachtet, in denen sie einmal geschult und dreimal getestet wurden. Nach einer praktischen Anleitung und einem Training zur Anlage einer sachgerechten Kompressionsbandagierung verbesserten sich die Fähigkeiten der Teilnehmer. Die Erfolge derjenigen Probanden, die sowohl eine theoretische als auch eine praktische Anleitung mitgemacht hatten, waren hierbei größer als die Derjenigen (Kontrollgruppe) mit ausschließlich theoretischer Schulung. Die Steigerung der Fähigkeit einen sachgerechten PKV anzulegen, wurde in dieser Studie mithilfe eines speziell dafür entwickelten Kompressions-Scores gemessen.          


CCB-Score – ein Tool zur Beurteilung von Bandagierungen

Dieser CCB-Score (= control score of compression bandaging) setzt sich aus sechs Aspekten zusammen, anhand derer ein sachgerechter PKV mit Kurzzugbinden beurteilt werden kann. Diese Kontrollparameter basieren auf aktueller Literatur und finden auch in der AWMF S2k-Leitlinie zur Kompressionstherapie der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie Erwähnung [4]. Der CCB-Score benennt folgende Parameter:

  • Unterpolsterung: ein Schlauchverband aus Baumwolle schützt die Haut, die darüber angelegte Unterpolsterung der Bandagierung mit Watte- oder Schaumstoffbinden beugt Schnürfurchen vor, die zu Blasen, Druckulzera oder Hautnekrosen führen können  

  • Einschluss der Ferse: die Ferse wird bei einer Kompressionsbandagierung grundsätzlich mitbandagiert damit sie beim Gehen nicht aufscheuert  

  • Startpunkt der Bandagierung am Großzehengrundgelenk: die erste Bindentour beginnt am Großzeh und folgt dann dem Zehenverlauf

  • Anlage der Bindentouren in Herzrichtung: Kompressionsbinden werden ausschließlich das Bein hinauf und nicht zurück zum Fuß geführt, um Stauungen im Vorfuß vorzubeugen

  • Therapierelevanter Druckwert am Vorfuß: es ist wesentlich, gleich zu Beginn mit einem entsprechenden Anlagedruck zu starten, der in dieser Studie 22-27 mmHg betrug

  • Therapierelevanter Druckwert am Wadenansatz oberhalb des Innenknöchels: dieser Druckwert sollte 40-60 mmHg betragen.

Letzterer Druckwert ist in der Forschung bereits als Messpunkt B1 etabliert [5]. Er befindet sich oberhalb des Innenknöchels, an einer ebenen Stelle, wo die Sehne in den Wadenmuskel übergeht. Da bereits valide Daten für die Bedeutung des Anlagedrucks an B1 vorliegen, wurde dieser Parameter schwerer gewichtet, als die anderen Parameter, zu denen noch keine Untersuchungen vorliegen. Der Druck an B1 wurde entsprechend mit dem doppelten Punktwert belegt. Somit hat der CCB-Score eine Skala die von 0 bis 7 reicht.  

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Richtig bandagieren – das kann man lernen

Zunächst wurden alle Teilnehmer gebeten, eine Kompressionsbandagierung durchzuführen, die anhand des CCB-Scores bewertet wurde. Hierbei wurde der CCB-Score im Schnitt mit 2,76 Punkten erfüllt. Im Anschluss an die Schulung und die darauf aufbauende praktische Übungen gelang es den Teilnehmern im Schnitt 4,89 Punkte auf dem CCB-Score zu erreichen. Allerdings wurden die Druckwerte am Vorfuß (max. von 21 Teilnehmern) und am Wadenansatz (max. von 24 Teilnehmern) deutlich am seltensten erfüllt. Diese Ergebnisse zeigen, dass eine Schulungsmaßnahme zur Kompressionstherapie diesbezügliche Fähigkeiten sofort entscheidend verbessert, allerdings beim Erzielen der therapierelevanten Druckwerte weiterhin erhebliche Schwierigkeiten bestehen. Die Teilnehmer wurden nach einem und nach drei Monaten nochmals überprüft. Der CCB-Score fiel hierbei zwar etwas ab, lag aber am Ende mit 4,66 Punkten noch immer deutlich über dem Ausgangswert. Dies legt nahe, dass eine entsprechende Schulungsmaßnahme sofortige Erfolge bringt und zudem nachhaltige Ergebnisse sichert.     

Die Sache mit dem Druck

Die beiden Kontrollparameter Druckwert an Vorfuß und Druckwert am Wadenansatz wurden in allen Testungen allerdings am seltensten – maximal zu 43,6% – erfüllt. Um eine Routine im Erzeugen der erforderlichen Druckwerte zu erlangen, sollten in entsprechenden Schulungen Druckmessgeräte zum Einsatz kommen, mit denen es möglich ist, den erzeugten Druck unterhalb eines PKV zu überprüfen. Zudem wäre zu überlegen, ob etablierte wundbezogene Fortbildungen, in denen das UCV thematisiert wird, jeweils einen Fokus auf die praktische Durchführung von PKV legen sollten.  
    Auch nach einer adäquaten Schulung und auf Basis von praktischem Training erweist es sich immer wieder als schwierig, mit Kurzzugbinden in der alltäglichen Praxis sicher einen therapierelevanten Anlagedruck zu erzeugen. Der Markt bietet mit medizinischen adaptiven Kompressionsbandagen und Mehrkomponentensystemen, die teilweise über optische Druckmarker oder spezielle Dehnungstechniken verfügen, in dieser Hinsicht gute Alternativen zu PKV mit Kurzzugbinden.  

 Die Studie von Kerstin Protz et al. erschien im Februar im Fachmagazin Wound Repair and Regeneration einsehbar (engl.)

 

Literatur:

  1. Strohal B, Dissemond J, Läuchli S, Münter K-C, Stücker M, Traber J. Expertenempfehlung für einen Behandlungspfad zum Ulcus cruris venosum. Wundmanagement 2021; 15(2): 58-61
  2. Heyer K, Protz K, Augustin M. Compression therapy – cross-sectional obervational survey about knowledge and practical treatment of specialised and nocn-specialised nurses and therapists. Int Wound J 2017; 14(6): 1148-1153
  3. Protz L, Dissemond J, Karbe D, Augustin M, Kleim TM. Increasing competence in compression therapy for venous leg ulcers through training and exercise measured by a newly developed score Results of a randomised controlled intervention study. Wound Repair Regen 2021; 29(2): 261-269     
  4. Deutsche Gesellschaft für Phlebologie. Medizinische Kompressionstherapie der Extremitäten mit Medizinischem Kompressionsstrumpf (MKS), Phlebologischem Kompressionsverbad (PKV) und Medizinischen adaptiven Kompressionssystem (MAK). AWMF Leitlinien-Registernummer 037-005 
  5. Partsch H, Clark M, Mosti G et al. Classification of compression bandages: practical aspects. Dermatol Surg 2008; 34(5): 600-609

 

 

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Tags: Wundheilung
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