DGHM digital – 73. Jahrestreffen der DGHM, 12 –14. September 2021 – TEIL 1

Kongress der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie
TEIL1

zusammengefasst von Dr. Gudrun Westermann

 

Auch der DGHM-Kongress fand in diesem Jahr als „DGHM digital“ online statt. Aus drei parallelen Streams und einer Vielzahl von Themen konnten die Zuhörer auswählen.

 

Von der Evidenz zur Politik


Meike Voss, Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), sprach über die Übersetzung von Wissen in Politik. Der ideale Ablauf – Evidenz aus der Forschung gelangt zu Entscheidern in der Politik und führt zu evidenzbasierten Vorgehensweisen – wird in der Realität leider nicht erreicht, vielmehr werden Informationen teilweise fragmentiert in einem eher chaotischen Prozess diskutiert.
Voss stellte Kriterien für eine Gute Praxis für die wissenschaftliche Beratung der Politik vor. Vertrauen, aber auch Distanz sind wichtig im Beratungsprozess, damit der Berater gehört wird und zugleich Inhalte objektiv betrachtet und umgesetzt werden.
Voss stellte das Zukunftsforum Public Health vor, das sich damit beschäftigt, welche Steuerungsmechanismen dafür gebraucht werden. Das Science-Policy-Interface kann ein Teil davon sein.

Zusammenfassend betonte sie, dass Politikberatung mehr Aufmerksamkeit und auch Training benötigt, an den Universitäten allerdings nicht gelehrt wird. In Deutschland ist das Science-Policy-Interface zu stark fragmentiert – mehr Multidisziplinarität wäre sinnvoll. Die aktuelle pandemische Lage hat auch die Schwächen des bestehenden Systems offenbart. Wie man ein geeignetes „Ökosystem der wissenschaftlichen Beratung“ aufbaut, um für zukünftige Pandemien und andere Krisen gewappnet zu sein, ist eine der wichtigsten Fragen für die nahe Zukunft.


Johanna Hanefeld, ZIG beim RKI, erklärte die Aufgabenbereiche ihrer Abteilung die 2019 im Zusammenhang mit der Ebola-Epidemie gegründet wurde. Thema ihres Vortrags war die Ko-Produktion von Wissen: die Politik der Evidenz während COVID-19 und auch die Infodemie im Zusammenhang mit der Pandemie.
Die Pandemie hat zu einer plötzlichen Fokussierung auf Wissenschaftler und deren Expertise geführt. Es ist zu einer starken Politisierung gekommen, wie Hanefeld anhand der Darstellung von Experten und Maßnahmen in den Medien erklärte.
Die Infodemie bringt laut WHO-Definition zu viele und auch falsche Informationen mit sich und kann, wie Hanefeld betonte, sogar zu einer Verlängerung der pandemischen Lage führen, weil sie Menschen bezüglich der Maßnahmen verunsichert, die zu ihrem eigenen wie auch zum Schutz ihrer Mitmenschen sinnvoll sind.

Anschließend erklärte Hanefeld die Koproduktion von Wissen in Zusammenarbeit von Wissenschaftlern mit Anwendern (z.B. Pflegepersonal, Ärzten in Krankenhäusern und im Öffentlichen Gesundheitsdienst und Patienten). Wichtig sei die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit etablierten Strukturen und öffentlichen Institutionen; das Vertrauen in diese müsse wieder gestärkt werden, um die Pandemie effektiv zu bekämpfen. Nationale Gesundheitseinrichtungen seien dabei in einer Schlüsselposition.

Cornelia Betsch, Erfurt, sprach über die Bedeutung von Sozial- und Verhaltenswissenschaften für die Infektionsprävention. Sie stellte die Beziehungen zwischen Krankheitsdynamik, Verhalten und psychologischen Prozessen dar. Die Beziehungen zwischen den drei Faktoren müssen auch bei der Erstellung von politischen Vorgaben beachtet werden.
Wenn wir Infektionsübertragung verstehen wollen, müssen wir das menschliche Verhalten betrachten, z.B. auf Reisen, wo am Anfang und Ende von Reiseabschnitten immer auch ein menschlicher Kontakt steht. Auch Fehlinformation ist ein zunehmendes Problem.
Betsch verdeutlichte dies anhand von Daten zur Impfentwicklung. Die Haltung der Menschen zur Impfung hat sich im Laufe der Zeit verändert – während zu Beginn der Kampagne kurz nach der Zulassung der Impfstoffe das Vertrauen recht hoch war, ist jetzt in einigen Bevölkerungsgruppen, z.B. bei Menschen mit Migrationshintergrund oder auch in den östlichen Bundesländern die Impfrate immer noch niedrig und die Vorbehalte haben eher zugenommen. Niedrigschwellige Angebote sind wichtig, aber auch die Informationskampagne muss intensiviert werden, so Betsch.

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Neue Antibiotika – woher nehmen?

Gerard Wright, USA, sprach über neue antimikrobielle Wirkstoffe aus einer alten Quelle: die Wiederentdeckung mikrobieller Naturstoffe in der Arzneimittelforschung. Die meisten Antibiotika-Klassen sind bereits in den 1960er Jahren entdeckt worden, und nach den 1980er Jahren kam es dort im Wesentlichen zu keinen bahnbrechend neuen Entdeckungen mehr. Gleichzeitig wächst das Resistenzproblem und hat bedrohliche Ausmaße erreicht.
Die pharmazeutische Industrie hat zugunsten der künstlichen Synthese den Gebrauch von Naturprodukten weitgehend verlassen, weil diese so schwer zu handhaben sind. Dadurch hat sich aber auch die Beachtung vieler interessanter Moleküle, die natürlich synthetisiert werden, verringert. Wright erklärte, dass man entgegen der traditionellen Vorgehensweise – Herstellung und Prüfung von Extrakten – sich nun auf die Genomforschung stützen kann, um interessante Moleküle zu identifizieren.

Am Beispiel von Glykopeptid-Anitbiotika erklärte er, wie mit Hilfe genetischer Fingerprint-Techniken ein neues, dem Vancomycin und Teicoplanin verwandtes Molekül identifiziert werden konnte. Weiterhin können Cluster untersucht werden bezüglich vorhandener Resistenzgene. Mit Hilfe weiterer Tests wird dann die antibiotische Aktivität sowie der Wirkmechanismus untersucht. Auf diese Weise könnten viele neue Moleküle mit Potential entdeckt werden, sagte Wright abschließend.


Surveillance – Daten analysierbar machen

Alexander Dilthey aus Düsseldorf berichtete über ein NUM (Netzwerk Universitätsmedizin-)Projekt zur genomischen Surveillance. Diese sei im Rahmen der Pandemie besonders wichtig, um die Entwicklung des Pathogens nachzuvollziehen, aber auch um zu erkennen, wo sich Menschen eigentlich anstecken. In Partnerschaft mit dem RKI und mit dem lokalen ÖGD wird eine Infrastruktur aufgebaut, um die genomische Pathogen-Surveillance in Deutschland zu unterstützen. Dazu gehören u.a. die Sammlung von Sequenzierungs-Rohdarten und deren Analyse sowie die phänotypische Charakterisierung von Viren. Unter cogdat.de sind die Infrastruktur des Pojekts und verschiedene Tools online zu sehen. Seit kurzem können dort auch getrennt nach Bundesland schon sehr feingliedrige Analysen durchgeführt werden. So sind die Daten für jeden verfügbar und analysierbar. Für die Zukunft steht die verstärkte Integration des ÖGD im Fokus, außerdem die Ausweitung auf andere Pathogene neben SARS-CoV-2, insbesondere multiresistente Erreger.

Infektionskontrolle von MRE und anderen nosokomialen Krankheitserregern

Im Workshop „Infektionskontrolle von MRE und anderen nosokomialen Krankheitserregern“ berichtete die Arbeitsgruppe um Heike Claus über Routine-Screening auf Linezolid-Resistenz bei Enterokokken in einem deutschen Tertiärkrankenhaus.
Das LRE-Screening-Verfahren erfolgte mit Hilfe einer Anreicherungskultur von Rektalabstrichen mit anschließender Überprüfung der Linezolid-Resistenz und Ganzgenomsequenzierung aller Linezolid-resistenten Isolate.
Bei 78 von 3.714 Patienten wurden im Jahr 2020 Linezolid-resistente Enterokokken (80 LRE und 4 LVRE) nachgewiesen, was einer Prävalenz von 2,1 % in dieser untersuchten Kohorte entspricht. Linezolid-Resistenz trat hauptsächlich bei E. faecium auf, LVREs waren selten.

Simon Brinkwirth, Berlin, stellte eine Metaanalyse zu nosokomialen Infektionen durch Enterokokken in Europa vor. Der Anstieg von Krankenhausinfektionen (HAI) insbesondere durch Vancomycin-resistente Enterococcus spp. (VRE) in Europa ist aufgrund des steigenden Resistenzanteils und der begrenzten Behandlungsmöglichkeiten besorgniserregend.
Nach einer systematischen Literaturrecherche in MEDLINE und EMBASE wurden 75 Studien in diese Analyse aufgenommen. Enterococcus spp. und VRE machten 10,9 % bzw. 1,1 %  aller bei Patienten mit HAI isolierten Erreger aus. Krankenhausweit lag die gepoolte Inzidenz der durch Enterococcus spp. verursachten HAI zwischen 0,7 und 24,8 Fällen pro 1000 Patienten. Auf Intensivstationen betrug die gepoolte Inzidenz von HAI aufgrund von Enterococcus spp. und VRE 9,6  bzw. 2,6 Fälle pro 1000 Patienten. Bei Patienten mit HA-BSI mit Enterococcus spp. betrug die gepoolte Gesamtmortalität 21,9%, während die Gesamtmortalität aufgrund von bei VRE 33,5 % lag.
In seiner Schlussfolgerung erklärte Brinkwirth, dass durch Enterococcus spp. und VRE verursachte HAI bei Krankenhauspatienten häufig festgestellt werden und mit einer hohen Mortalität assoziiert sind. Eine kontinuierliche Überwachung und die verbesserte Umsetzung von Programmen zur Infektionsprävention und -kontrolle sowie Maßnahmen zur Antibiotikasteuerung sind unerlässlich.

François Gravey aus Caen, Frankreich, stellte die Fourier-Transform-Infrarot-Spektroskopie als Methode vor, mit der bei Ausbrüchen rasch eine Typisierung erfolgen kann. Untersucht wurde die Genauigkeit des FTIR-basierten IR-Biotyper zur Klassifizierung der am häufigsten isolierten ESBL-produzierenden Enterobacteriaceae (ESBL-E)-Spezies in klinischen Hochrisikostationen. Die Vielfalt der FTIR-Typen variierte je nach Art und spiegelte erhebliche Unterschiede in der genomischen Vielfalt der Isolate wider, aber die FTIR-Typisierung erwies sich als leistungsfähiges Echtzeit-Verfahren der ersten Stufe zur Überwachung von MRE-Ausbrüchen in klinischen Hochrisikostationen.


Fallbericht zu Candida-auris-Infektionen

Miriam Wiese-Posselt aus Berlin berichtete über zwei Fälle von Candida-auris-Infektionen auf einer COVID-19-Intensivstation. Candida auris ist ein neu aufkommender Erreger von Krankenhausinfektionen, der eine Multiresistenz gegen Antimykotika aufweisen kann und Ausbrüche verursacht. Krankenhausausbrüche mit hohen Fallzahlen und langen Krankheitsverläufen werden weltweit gemeldet. Trotz umfassender Maßnahmen zur Infektionskontrolle sind Ausbrüche nur schwer zu kontrollieren.
Als Maßnahmen zur Infektionskontrolle wurden ein- bis zweimal pro Woche Patientenscreenings und umfangreiche Umwelttests auf C. auris durchgeführt.

Candida auris wurde aus einer Urinprobe eines COVID-19-Patienten isoliert, der aus einem ägyptischen Krankenhaus auf die COVID-19-Intensivstation verlegt worden war. Trotz Isolierung wurde sechs Tage nach der Bestätigung von C. auris bei dem Indexpatienten wurde ein zweiter COVID-19-Patient mit C. auris identifiziert. Die beiden Patienten waren im Abstand von sieben Tagen mit demselben Videolaryngoskop intubiert worden. Obwohl die Geräte und die Spatel manuell mit Chlordioxid-getränkten Tüchern aufbereitet worden waren, könnten sie das Übertragungsmedium gewesen sein. Dank intensiver Maßnahmen wurde bei keinem anderen Patienten, der auf der Intensivstation lag oder von dort entlassen wurde und in keiner Umweltprobe C. auris nachgewiesen.
Eine rasche Bestätigung und die sofortige Umsetzung angemessener Hygienemaßnahmen auf der Station sind entscheidend, um eine Übertragung von C. auris auf andere Patienten zu verhindern, betonte Wiese-Posselt abschließend.

++ Diese und zahlreiche weitere Vorträge sind für angemeldete Teilnehmer noch On Demand auf der Kongress-Plattform verfügbar. ++

Teil 2 des Kongressberichts lesen Sie hier, u.a. mit Vorträgen über

– COVID-19-Überwachungs- und Teststrategien
– Compliance bei der Händehygiene
– Ausbrüche durch kontaminierte Endoskope

 

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