Kritische Bewertung der Maßnahmen zur Einschränkung der COVID-19-Pandemie

© iStock.com/Daniel Balakov

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Kritische Bewertung der Maßnahmen zur Einschränkung der COVID-19-Pandemie

Vortrag Prof. Dr. René Gottschalk, Leiter des Gesundheitsamtes Frankfurt, im Rahmen von pharmacon@home
zusammengefasst von Dr. Gudrun Westermann

 

Unter dem Titel pharmacon@home bot die Avoxa – Mediengruppe Deutscher Apotheker GmbH verschiedene interessante Online-Vorträge rund um das Thema COVID-19 an. Prof. Dr. René Gottschalk, Leiter des Gesundheitsamtes Frankfurt, befasste sich mit den Maßnahmen zur Einschränkung der COVID-19-Pandemie. Einleitend sagte er, dass sich die Wahrnehmung des ÖGD verbessert habe. In der momentanen Pandemie habe aber nicht der ÖGD die Führungsrolle, sondern die Politik.
Gottschalk sprach über die Arbeitsbereiche der Gesundheitsämter und zeigte Schwierigkeiten auf, die in der Pandemie besonders zum Tragen kommen. So gebe es beispielsweise keine Schnittstellen zwischen verschiedenen Datenerhebungssystemen der Behörden, was Doppeleingaben erforderlich macht.
Er wies darauf hin, dass durch die Gesundheitsämter auf Basis des IfSG auch Grundrechte aufgehoben oder eingeschränkt werden können, z.B. durch die Anordnung eines Rachenabstrichs, von Quarantänemaßnahmen oder in Form von Einschränkung der Versammlungsfreiheit. Die Krisen- und Risikokommunikation bezeichnete er als eine wesentliche Aufgabe, die dazu dient, dass die Bevölkerung die Maßnahmen mit nicht zu viel Skepsis aufnimmt und auch korrekt befolgt.

Im Vordergrund: Schutz der Älteren

Für SARS-CoV-2 beschrieb Gottschalk die Transmissionswege. Die Verbreitung erfolge über Tröpfchen, nur sehr selten über Aerosole. COVID-19 sei eine Erkrankung, die vor allem bei alten Menschen schwer verlaufe, für einen Großteil der Bevölkerung aber keine Gefahr darstelle. Vor diesem Hintergrund habe er schon im Sommer zusammen mit Kolleg*innen wie Frau Prof. Heudorf dazu aufgerufen, von der Containment-Strategie abzurücken und stattdessen den Schutz der Alten, vor allem in Pflegeheimen, in den Vordergrund zu stellen.
Auch jetzt liegen vermehrt alte Patienten mit COVID-19 auf Intensivstationen – die Wahrscheinlichkeit bei über 70jährigen, daran zu sterben, sei enorm hoch, insbesondere, wenn man sich vor Augen hält, dass über 70-Jährige nur 15% der positiven Fälle ausmachen. Neben dem hohen Alter auch sind beispielsweise Adipositas und Diabetes Risikofaktoren für einen schweren Verlauf.
Eine Besonderheit der COVID-19-Pandemie sei es nach wie vor, dass Therapie-Optionen nicht verfolgt worden sind und dass es effektiv keine Therapie gibt – wie im Übrigen auch nicht gegen SARS-1 oder MERS. Eine Beatmungsdauer von 3–4 Wochen bei schwer erkrankten Patienten ist keine Seltenheit.

Keine Testung asymptomatischer Personen

Anschließend betrachtete Gottschalk die geltenden Vorgaben und Maßnahmen im Einzelnen. Bezüglich der Testung und der Infektionsstatistik bemängelte er, dass alle PCR-positiv getesteten in der Statistik des RKI als Infizierte auftauchen; unter normalen Umständen würden aber nur symptomatische Personen getestet, beispielsweise bei Windpocken. Momentan werden auch asymptomatische Personen getestet. Dies sei aus infektiologischer Sicht nicht haltbar, da PCR-Tests oft falsch positiv ausfielen, und auch bei Genesenen oft noch positiv seien. Diese Personen seien aber mit Sicherheit nicht infektiös. Die Infektiosität sei nur mit Zellkultur-Tests nachweisbar.

Keine nachweisbare Übersterblichkeit

Auch die Angabe der Todesfälle im Zusammenhang mit Corona sei fragwürdig – jeder Gestorbene mit positivem COVID-19-Test gilt als COVID-19-Toter, jedoch ohne Nachweis der Kausalität. So könnten beispielsweise auch Unfallopfer darunter sein.
Gottschalk zeigte Todeszahlen aus den USA mit einer Übersterblichkeit um 1920 herum aufgrund der Spanischen Grippe. Die Gesamtsterblichkeit von COVID-19 liegt nur bei 1–2%. Anhand von Daten des RKI zeigte er, dass der Anteil schwer Erkrankter, Hospitalisierter und gestorbener Patienten an den Infizierten über das ganze Jahr 2020 immer gleichgeblieben ist. Todesfälle durch COVID-19 bei unter 20jährigen seien eine Rarität, und es gebe keine signifikante Übersterblichkeit.

Aussagekräftige Daten sind nicht vorhanden

Die in den Medien immer zitierte 7-Tage-Inzidenz sei als Surrogatmarker für den Erfolg oder Misserfolg völlig ungeeignet, da die Infektion bei 80% der Bevölkerung nur milde oder gar keine Symptome hervorruft. Positive Fälle werden immer weiter gefunden werden, so Gottschalk, haben aber keine Relevanz, wenn die Patienten nicht einer vulnerablen Gruppe angehören.
Angaben dazu, wo Infektionen stattfinden, seien ebenfalls nicht aussagekräftig. Die Gesundheitsämter melden diese Zahlen nicht; Angaben vom RKI stützten sich daher nur auf einen Bruchteil der gemeldeten Fälle und seien insofern nicht aussagekräftig.

Zum Thema Herdenimmunität sagte Gottschalk, dass diese zwischen 60 und 70% der Gesamtbevölkerung erreichen muss, damit die Pandemie nicht immer wieder aufflackern kann – dieser Wert sei korrekt und könne anhand des R0 ausgerechnet werden. Das treffe ebenso für die Grippe zu.
Da bei COVID-19 aber 80% der Bevölkerung nach einer Infektion keine Symptome entwickeln, sei dieser Wert nur in Bezug auf die vulnerablen Gruppen relevant.

OP-Masken zum Infektionsschutz völlig ausreichend

Zur FFP-2-Masken-Empfehlung und der Vorschrift, diese in öffentlichen Bereichen zu tragen, erklärte Gottschalk, dass dies ein Beleg für die Unkenntnis über Besonderheiten dieser Masken sei. Besonders wichtig sei bei jeder Maske der genaue Sitz, sonst könne es zu Rand-Leckagen kommen, unabhängig vom Maskentyp. Masken müssen also gut passen und korrekt angezogen werden.
Der erhöhte Atemwegswiderstand durch FFP-2-Masken sei bedeutsam, für Ältere oder Lungenerkrankte sei das Tragen solcher Masken beispielsweise nicht möglich. Auch seitens des Arbeitsschutzes sei vorgeschrieben, nach 75 min Tragen der FFP-2-Maske eine 30minütige Pause einzulegen.
Gottschalk betonte, dass OP-Masken zum Infektionsschutz völlig ausreichend seien – das hätten auch die Erfahrungen aus Hong Kong bei SARS-1 gezeigt.
Seiner persönliche Einschätzung nach spiele Schutzkleidung nur eine geringe Rolle, es gebe keine belastbaren Zahlen zur Wirksamkeit. Wichtiger sei gesunder Menschenverstand und die allgemeine Hygiene. Dass diese wirksam seien, zeige sich auch daran, dass auch andere Atemwegserkrankungen während der SARS-Epidemie deutlich zurückgegangen sind.
Schutzkleidung müsse anlassbezogen und korrekt getragen werden. Positiv sei immerhin, dass nun im ÖPNV keine selbstgebastelten Masken mehr zu sehen seien.

Zum weiteren Verlauf der Corona-Maßnahmen sagte Gottschalk, dass Cluster durch Gesundheitsämter entdeckt würden und in der Kontaktpersonennachverfolgung einfach abzuarbeiten seien. Hygienekonzepte müssen grundsätzlich so konzipiert sein, dass in einem Bereich, wo das Hygienekonzept gilt, keine Infektionen vorkommen können. Dass Hygienekonzepte nur bis zu einer 7-Tage-Inzidenz von 25–50/100.000 gültig sein sollen, sei insofern nicht nachvollziehbar. Ein Kontakt-Tagebuch, wie es teilweise propagiert wird, wäre gut, es sei aber unwahrscheinlich, dass so etwas in der Bevölkerung in nennenswertem Umfang genutzt würde.

In seinem Fazit fasst Gottschalk abschließend folgende Punkte zusammen:

  • COVID-19 ist für 80% der Bevölkerung eine kaum bis nicht beeinträchtigende Erkrankung. 20% der Infizierten erkranken schwerer, 6–9% werden hospitalisiert, 2% der Patienten werden intensivpflichtig. Die Letalität beträgt nur 0,4–0,7% – bei über 80jährigen aber bis zu 25%.
  • Die neu entwickelten Impfstoffe sind gut wirksam, so dass alte Menschen effektiv geschützt werden können.
  • Das Ziel, die 7-Tage-Inzidenz auf unter 50 oder gar unter 10 bringen zu wollen, zeuge von einem grundsätzlichen Unverständnis und sei nicht sinnvoll.

 

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