DGKH-Kongress 2022: Themen der ersten Kongresstage

© DGKH e.V.

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von Dr. Gudrun Westermann

 Neben den Erfahrungen mit der Pandemie ging es an den ersten beiden Kongresstagen u.a. um Psychologie in der Hygiene, um Erfahrungen des ÖGD und um die Vision Null Infektionen.
Empathie fördert die Motivation zur Befolgung von Händehygienerichtlinien, so eine Erkenntnis aus der Sitzung „Psychologie in der Hygiene“. Ein interaktives Feedbacksystem soll ebenfalls die Compliance bei der Händehygiene fördern. 

In der ÖGD-Sitzung ging es um Erfahrungen während der Pandemie in München und Frankfurt am Main, aber auch um wichtige Erkenntnisse aus der Datenauswertung und sinnvolle Ansätze zum Umgang mit lokalen Ausbrüchen.
Die Vision Zero ist Ziel einer umfassenden Präventionskultur, und zwar im Hinblick auf Arbeitsunfälle, arbeitsbedingte Erkrankungen, aber natürlich auch auf Infektionen oder postoperative Wundinfektionen.

 

Psychologie in der Hygiene  

Claudia Sassenrath und Kollegen untersuchten den positiven Einfluss von Empathie auf das Händehygieneverhalten von Gesundheitsfachpersonal. In einer Online-Studie wurde Gesundheitsfachpersonal an einer deutschen Klinik (N = 68) während der ersten Welle der COVID-19-Pandemie nach ihrer Bewertung der Wichtigkeit und Anwendbarkeit der „5 Momente der Händehygiene“ (WHO, 2009) befragt. Vor der Befragung sollten sich die Befragten gedanklich entweder mit den Folgen einer SARS-CoV-Infektion 2 für die eigene Gesundheit oder aber mit den Konsequenzen für andere Personen auseinandersetzen. Die Ergebnisse stützen die Hypothese, dass insbesondere die Momente der Händehygiene, die darauf abzielen, Patienten und Patientinnen vor Infektionen zu schützen (vor Patientenkontakt sowie vor aseptischer Tätigkeit) als relevanter bewertet werden, wenn der Fokus auf den Folgen für andere liegt. Empathie fördert also anscheinend die Motivation zur
Befolgung von Händehygienerichtlinien. In der Diskussion wurde betont, dass dieser Ansatz zwar vielversprechend ist, weitere Untersuchungen aber notwendig sind, um auch eine Nachhaltigkeit der Wirkung zu erzeugen.

Thomas von Lengerke untersuchte ebenfalls Interventionen für Hygieneteams zur Compliance-Förderung. Zur Prävention von Krankenhausinfektionen ist Compliance mit vielen klinischen Interventionen – im Hinblick auf postoperative Wundinfektionen (PWI) beispielsweise mehr als 20 –notwendig. Die hier vorgestellte WACH-Studie (Wundinfektionen und Antibiotikaverbrauch in der Chirurgie) zielte darauf ab, die entsprechende Leitlinien-Compliance zu erhöhen. Dazu wurden maßgeschneiderte Implementationsinterventionen für die Hygieneteams entwickelt. Es wurde geprüft, ob diese Interventionen im Vergleich zu einer „Usual Practice“-Kontrollgruppe zur Verbesserung der Compliance und damit zur Reduktion von postoperativen Wundinfektionen, MRE-Nachweisen und Antibiotikaverbrauch führten. Es zeigte sich, dass die Implementationsinterventionen die Compliance der klinischen Mitarbeitenden mit PWI-präventiven Interventionen insgesamt signifikant erhöhten.

Bessere Compliance sollte auch mit einem interaktiven Feedbacksystem zur Händedesinfektion erreicht werden, wie Paula Zwicker aus Greifswald berichtete. Durch bessere Händehygiene können bis zu 40% der Krankenhausinfektionen vermieden werden. Trotz intensiver Schulungsmaßnahmen liegt die Compliance der Händedesinfektion (HD) jedoch häufig bei lediglich 50%. Ein neuartiges Feedbacksystem, bestehend aus Beacons, die eine Zone um das Patientenbett aufspannen und aus tragbaren Transpondern, ermöglicht jetzt die Erinnerung an die Händedesinfektion durch Vibration, falls sie in einem gesetzten Zeitrahmen ausbleibt. Durch den Einsatz des elektronischen Systems konnte die Compliance bei 3 der 5 Indikationen zur Händedesinfektion signifikant (um 83%) verbessert werden.

Christof Alefelder berichtete, dass mit dem gleichen Feedbacksystem zur Verbesserung der Händehygienecompliance die Reduktion multiresistenter Erreger (MRE) und Clostridoides difficile (CDAD) untersucht wurde. Im Rahmen einer prospektiven Prä-Post-Studie über zwei Jahre trug jeder Stationsmitarbeiter einen Sensor, der eine persönliche Rückmeldung über erfolgte Händehygiene-Aktionen gibt. Berechnet wurde dann die Inzidenz der MRE und CDAD pro 100.000 Patiententage. Die Inzidenzdichte von nosokomialen Infektionen mit MRE und CDAD konnte um 51,5% reduziert werden, während es im selben Zeitraum zu keiner Änderung der Inzidenzdichte im restlichen Krankenhaus kam. Auch die Händehygiene-Compliance und der Desinfektionsmittel- Verbrauch konnten gesteigert werden.

ÖGD

In der ÖGD-Sitzung gab es zwei Vorträge zum Pandemiemanagement in Kliniken und stationären Pflegeeinrichtungen in München. Sabine Gleich beschrieb die Aufgaben des ÖGD in der Pandemie und betonte, dass man sich auf unbedingt notwendige Aufgaben beschränken musste. Anhand des Beispiels eines Ausbruchs beschrieb sie die Schwachstellenanalyse. In der betroffenen Klinik gab es eine Unterbesetzung mit Hygienefachpersonal (z.B. keinen voll ausgebildeten Krankenhaus-Hygieniker) und kein etabliertes Ausbruchsmanagement. Die Einrichtung wurde temporär komplett unter Quarantäne gestellt, und es wurden dann nur noch akute Fälle aufgenommen, geplante OPs dagegen abgesagt.
Gleich stellte auch die gesamten verfügbaren Fallzahlen für den Raum München vor und erklärte, dass laut den Leichenschauen doch die Mehrzahl der Verstorbenen an COVID-19 verstorben seien und dies nicht nur Begleiterkrankung war.
In Pflegeeinrichtungen hatten 60% der Bewohner eine Corona-Infektion. Gerade bei dementen Bewohnern sind Verhaltensregeln praktisch nicht umzusetzen. Der Personalmangel in den Einrichtungen und hohe Fluktuation verstärkt die Problematik. Insbesondere gibt es zu wenig Hygienefachpersonal. Gleich betonte die Wichtigkeit von Begehungen – diese seien durch Videokonferenzen nicht zu ersetzen. Am Beispiel einer Einrichtung zeigte Gleich, dass vom Hygieneplan über Schulungen bis hin zur Händehygiene in allen Bereichen mangelhaft gearbeitet wurde – dies lässt sich nur bei Begehungen feststellen. In den begangenen Einrichtungen war außerdem durchweg kein korrektes Ausbruchsmanagement nach KRINKO etabliert. Deshalb sind hier für die Zukunft weitergehende Maßnahmen, wie der Erlass einer Hygieneverordnung, erforderlich.

S. Schmidt beschrieb anschließend den COVID-19-Verlauf in Münchener Kliniken anhand verschiedener Verlaufskurven. Gerade in Pflegeheimen sind noch einmal viele, vor allem betagte Patienten in den Kliniken gestorben. U.a. zeigte sie die Liegedauer der Patienten – in den ersten Wellen blieben Patienten auf Intensivstationen durchschnittlich 30 Tage. Auch mitten im Sommer gab es noch einmal eine Welle langer Liegedauern, vor allem durch Reiserückkehrer aus Südosteuropa.
28% der Patienten mit COVID-19 auf Intensivstationen sind verstorben, mit einem Durchschnittsalter von 62 Jahren. In der zweiten, aber auch in der vierten Welle ergab sich ein erhöhtes Mortalitätsrisiko. Abschließend erklärte Schmidt, dass die Daten mit anderen Regionen in Deutschland vergleichbar sind.
 

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Katrin Steul aus Frankfurt am Main berichtete über Erfahrungen von dort und das Pandemiemanagement in medizinischen und Gemeinschaftsreinrichtungen. Das Gesundheitsamt bildete vier Teams mit jeweils separater Erreichbarkeit für die jeweiligen Einrichtungen per (Mail-) Sammelpostfach: (1) Kliniken, (2) Altenpflegeheime, (3) soziale Einrichtungen sowie (4) Schulen und Kitas. Zu Beginn der Pandemie (bei bekannter Knappheit an Schutzmaterialien) erfolgte durch die Teams auch die Vergabe von Schutzmaterialien bei Bedarf. Die Anforderungen der COVID-19-Pandemie erforderten eine strukturelle Anpassung des ÖGD zur engen Kommunikation mit diesen Einrichtungen und die Fall-Bewertung sowie die Festlegung geeigneter Maßnahmen. Das Ausbruchsmanagement griff bereits ab dem ersten Fall in einer Einrichtung. Im Team Kliniken konnte auch durch die Zusammenarbeit mit KH-Hygiene und Betriebsmedizin eine Klinik von der anderen lernen.
Beratung war hier auch immer wichtig, gerade im Zusammenhang mit der Frage der Einzel- oder Kohortenisolierung un der Bewertung von Fällen, die zuvor nicht bekannt waren – besonders viele solcher Fälle traten natürlich bei hoher Auslastung der Häuser auf.
Im Pflegebereich wurde mit dem „Team Altenpflegeheim“ ebenso verfahren. In Pflegeeinrichtungen gab es sehr hohe Sterberaten, anfangs mit einer Sterblichkeit von 25%.
Maßnahmen für die Versorgung von pflegebedürftigen Personen gestalteten sich bei teilweise nur begrenzten Ressourcen (Personal, Material, Räumlichkeiten) in den Heimen oft schwierig.
In den sozialen Einrichtungen kam es bis Ende September 2021 zu 84 Ausbrüchen mit 723 Infizierten (oft in Unterkünften für Geflüchtete). Hier galt es, jeweils individuelle Lösungen für die Absonderung zu finden.
Erkenntnisse aus den umfangreichen Auswertungen können als „lessons learned“ für evtl. erneute pandemische Lagen diene, so Steul.

Andreas Kolch aus Gütersloh berichtete über das Management des Ausbruchs in einem Lebensmittelbetrieb. Die Abteilung Gesundheit des Kreises Gütersloh hat frühzeitig das Thema Ausbrüche in Firmen und Pflegeeinrichtungen vom generellen Fallmanagement separiert und eigene Teams für die jeweiligen Bereiche gegründet.
Breit bekannt wurden die Fälle in der fleischverarbeitenden Industrie. Auffallend war in diesem Zusammenhang neben der räumlichen Enge und den schlecht einzuhaltenden AHA-Regeln häufig auch die schlechte Belüftung bzw. ungeeignete Belüftungssysteme, die zur Verbreitung der Erreger sogar über größere Entfernungen innerhalb der Räumlichkeiten beitrugen. In Firmen konnten häufig Settings wie Umkleidebereiche, Sanitärräume und Kantinen als mögliche Orte von Infektionsketten ermittelt werden. In Pflegeeinrichtungen standen eher allgemeine organisatorische Mängel und individuelles Fehlverhalten im Vordergrund.

Ursel Heudorf warf einen Blick auf den ÖGD als Ganzes in der COVID-19-Pandemie. In dieser Pandemie lief vieles anders und außerhalb der normalen Aufgaben des ÖGD – und dadurch auch „aus dem Ruder“. In der ersten Phase der Pandemie hat der ÖGD im Rahmen des Containments Herausragendes geleistet und die Kurve flach gehalten und Zeit gewonnen. Inzwischen verharrt die Politik seit nunmehr zwei Jahren in der Containment-Phase des Pandemieplans, ohne – wie auf Literatur- und Evidenzgrundlage des Pandemieplans vorgesehen – in die weiteren Phasen des Pandemieplans überzugehen, bemängelte Heudorf. Es kommt dadurch zur Vernachlässigung wichtiger Präventionsaufgaben des ÖGD unter Inkaufnahme erheblicher Kollateralschäden für die Gesellschaft, insbesondere bei Kindern, Kranken und Alten. Dies schadet am Ende wahrscheinlich auch dem ÖGD selbst. Es gibt nur wenige Kommentare aus dem ÖGD, dass das Verharren im Containment und gar das Anstreben einer Null-COVID-Strategie fachlich falsch ist. Es sollte dringend zugunsten einer angemessenen, bewährten Strategie aufgegeben werden, erklärte Heudorf.

 Vision Zero

Die umfassende Präventionsstrategie „Vision Zero“ strebt nach einer Welt ohne Arbeitsunfälle und arbeitsbedingte Erkrankungen. Auf dieses Ziel muss die Präventionsarbeit immer wieder neu ausgerichtet werden, erklärte Klaus Büscher von der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV). Die DGUV stellt besondere Anforderungen an Kliniken, die Patienten mit bestimmten schweren Verletzungen beantragen. Diese Kliniken müssen spezielle personelle, apparative und räumliche Anforderungen erfüllen. Voraussetzung für eine Zulassung ist auch die Erfüllung hygienischer Vorgaben. Büscher berichtet von Erfahrungen aus Besichtigungen und erläuterte Anforderungen an die baulich-funktionelle und betrieblich-organisatorische Gestaltung.

Ines Bank, Hygienefachkraft aus Hildesheim, berichtete über Maßnahmen bei einem Anstieg von postoperativen Wundinfektionen nach hüftendoprothetischen Operationen.
Im Jahr 2018 wurde im Rahmen der Surveillance ein Anstieg von tiefen Wundinfektionen (A3) beobachtet, der über dem Median des Nationalen Referenzzentrums lag. Es wurden Infektionen mit MSSA, S. epidermidis und Proteus mirabilis nachgewiesen.
Durch Fallanalyse und Hospitationen wurden Zusammenhänge erfasst und daraufhin ein Maßnahmenbündel erstellt. Die elektiven Operationen zeigten keine größeren offensichtlichen Zusammenhänge. Es zeigte sich aber ein Optimierungsbedarf beim Screeningverhalten in der präoperativen Phase. Daraufhin wurde eine intensive Mitarbeiterschulung durchgeführt. Es wurden Verfahrensanweisungen zu Dekolonisation und zum Umgang mit positiven MRSA-Patienten bei Operationen erstellt. Interessanterweise wurde auch die Patienten nach ihrer OP zu den Anweisungen befragt, die sie erhalten hatten. Nur so ließen sich die Mängel feststellen.
Die intraoperative Phase wurde ebenfalls optimiert, z.B. die Indikationen zum Handschuhwechsel oder das aseptische Abdecken.
Für die postoperative Phase lag der Fokus auf den Verbandswechseln und der Messung der Händedesinfektionscompliance. Die Entstehung von postoperativen Wundinfektionen ist ein multifaktorielles Geschehen. Eine systematische Surveillance kombiniert mit der kontinuierlichen Überprüfung der Arbeitsabläufe kann Fehlerquellen in den Arbeitsprozessen minimieren helfen, so Bank.

Anschließend berichtete Ines Bank noch über ein erhöhtes MRSA-Aufkommen auf der neonatologischen/pädiatrischen Intensivstation. Bei der Erregererfassung nach §23 IfSG wurde innerhalb eines Monats ein vermehrtes nosokomiales Aufkommen von MRSA in Screening-, aber auch in klinischen Isolaten verzeichnet. Auch hier erfolgte die Analyse von Zusammenhängen und Gemeinsamkeiten der betroffenen Patienten, das Betrachten von Abläufen und Prozessen und eine Händedesinfektionscompliance-Messung.
Nach Beobachtung von Arbeitsabläufen und Arbeitsprozessen auf der Station sind Interventionsmaßnahmen in mehreren Teilschritten mit allen Beteiligten besprochen und umgesetzt worden. Erreicht werden konnte eine Steigerung der Händedesinfektionscompliance von 67% auf 92%. Mikrobiologische Umgebungsuntersuchungen zeigten, in sensiblen Bereichen wie der Milchküche oder aber der Inkubatoraufbereitung die Reinigung mangelhaft war.
Ein Mitarbeiterscreening ergab keinen Hinweis auf eine MRSA-Besiedelung unter den Mitarbeitenden. Nach Einführung und konsequenter Umsetzung des Maßnahmenbündels kam es zur Beendigung des Ausbruches und zu einer Normalisierung der nosokomialen MRSA-Inzidenz. Bank betonte, dass so etwas nur durch kontinuierliche Reflektion der ablaufenden Prozesse erreicht werden kann. Dabei spielt die regelmäßige Anwesenheit des Hygienepersonals auf der Station eine wichtige Rolle.
 


Lesen Sie außerdem: DGKH-Kongress 2022: Was wir aus internationalen Erfahrungen während der Pandemie lernen können

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