Gemeinsames Symposium von DGKH und EUNETIPS – DGKH-Kongress 2021 live und in Farbe

© DGKH e.V.

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Gemeinsames Symposium von DGKH und EUNETIPS – DGKH-Kongress 2021 live und in Farbe:

zusammengefasst von Dr. Gudrun Westermann

 

Beim DGKH-Kongress, der vom 12.–14.4. als reine Online-Veranstaltung stattfand, gab es am Nachmittag des ersten Kongresstages ein englischsprachiges EUNETIPS-Symposium, in dem internationale Experten ihre Erfahrungen mit der COVID-19-Pandemie darstellten. Unter dem Titel „Ongoing Experience with Sars-CoV-2 and consequences for future actions“
berichtete zunächst Patrick Kreuz aus Peking über den Status in China.

Die Pandemie in China und Asien

Prof. Walter Popp, der die Sitzung zusammen mit Prof. Martin Exner moderierte, fragte einleitend, ob Berichte, dass China im Wesentlichen COVID-frei sei, korrekt seien bzw. was davon zu halten sei. Kreuz bezweifelte, dass in diesem Zusammenhang korrekte Zahlen gemeldet werden. Auch ist die Definition von positiven Fällen sehr unterschiedlich. Während in Deutschland auch symptomlose Infizierte gemeldet werden, werden in anderen Ländern nur Erkrankte als positiv gewertet. In China gebe es dafür keinen Standard: wenn Symptome, vor allem eine Lungenentzündung vorhanden sind und der Patient hospitalisiert ist, wird dies als Fall gewertet. Erst in letzter Zeit seien die Zahlen verlässlicher.
Grundsätzlich sei eine Epidemie in Asien leichter zu kontrollieren, weil Masken und Abstandsregeln gut akzeptiert würden und auch in normalen Zeiten umgesetzt werden, erklärte Kreuz.
Grundsätzlich seien die Maßnahmen in China viel strenger. Die Impfung sei zwar keine Pflicht, aber zumindest Voraussetzung für vieles und wird so auf vielen Wegen forciert.
Allerdings weise der chinesische Impfstoff nur eine ca. 50%ige Wirksamkeit auf – dies sei mittlerweile auch von der Regierung zugegeben worden. Jetzt soll auch der Biontech-Pfizer-Impfstoff in China zugelassen und auch dort produziert werden. Die Priorisierung sieht in China im Übrigen ganz anders aus als in Deutschland. Zuerst wurden wirtschaftlich relevante Gruppen geimpft – die Regierung, in Produktion und Dienstleistung Beschäftigte etc., was gewährleisten soll, dass die Geschäfte weiterlaufen können. Über 60jährige sind dagegen bisher kaum geimpft.
In der Tat läuft das normale Leben in China wieder – die Schulen sind geöffnet, Reisen möglich, aber es bleibt doch eine gewisse Unsicherheit bezüglich der Korrektheit der gemeldeten Infektionszahlen, erklärte Kreuz.
Die Ergebnisse der WHO-Experten bezeichnete Kreuz als etwas enttäuschend. Es sei nicht wirklich forciert worden, der Herkunft des Virus auf den Grund zu gehen. Stattdessen wurden die offiziellen chinesischen Berichte einfach akzeptiert.

Impfstoff und SARS-CoV-2-Varianten

Carl Suetens von der ECDC zeigte aktuelle Zahlen für Europa: Fallzahlen, Krankenhausaufnahmen, Intensivstationsbelegung und Mortalität. Leider stiegen die Zahlen immer noch und sind teilweise höher als vor Weihnachten.
Natürlich gibt es Unterschiede zwischen den verschiedenen Ländern. Niedrige Zahlen gibt es mittlerweile in Asien und auch in Afrika, wobei das dort wohl eher an mangelnder Test- und Meldeinfrastruktur liegt.
Anschließend zeigte Suetens eine Übersicht zum Auftreten neuer Varianten des Virus. Die britische Variante ist in Europa recht weit verbreitet, außer z.B. in Norwegen. Die südafrikanische Variante ist in Belgien, Finnland und Luxemburg in nennenswerter Zahl vorhanden, in anderen Ländern dagegen sehr wenig.
Die ECDC verfolgt auch den Fortschritt der Impfkampagne. Ungarn und Malta stechen in Europa heraus, außerdem Großbritannien. Weltweit liegt Israel vorn, und auch in den USA sind mittlerweile ca. 35% geimpft. Verfolgt werden auch die Impfraten einzelner Gruppen, z.B. die Durchimpfung der Mitarbeiter*innen im Gesundheitswesen. Diese sind z.B. in Spanien und Irland wie auch in Estland praktisch vollständig geimpft.
Wichtig ist es, die Varianten im Auge zu behalten und die Wirksamkeit der Impfung auf diese einzuschätzen, erklärte Suetens. So ist der Pfizer-Impfstoff weniger wirksam gegen die südafrikanische Variante, das Gleiche gilt für Astra-Zeneca und die britische Variante.
Anschließend ging Suetens genauer auf die Erkrankungsraten bei Mitarbeiter*innen im Gesundheitswesen ein. Diese seien häufiger infiziert, es gebe dabei aber auch einen Bias, da sie häufiger getestet würden.
Als wichtigste Schutzmaßnahmen im Gesundheitswesen bezeichnete Suetens Masken und Kittel. Handschuhe seien nicht zum andauernden Tragen empfohlen, die korrekte Händehygiene sei wichtiger.
In Bezug auf die Impfung sagte Suetens, dass es immer noch offen sei, ob eine Übertragung durch Geimpfte noch möglich ist.
Sorgen bereiten die zunehmend häufiger auftretenden Virusvarianten, wobei die britische Variante B.1.1.7 sich leichter überträgt und möglicherweise auch zu schwereren Verläufen führt. Gegen die in Südafrika und Brasilien zuerst aufgetretenen Varianten wirken zudem natürlichen wie auch durch Impfung gebildete Antikörper weniger. Insofern ist weiterhin strikte Compliance mit den Maßnahmen notwendig. Gerade im Gesundheitswesen sollten auch während Pausenzeiten Masken getragen werden; eine zusätzliche Teststrategie mit regelmäßigen Schnelltests könnte die Sicherheit erhöhen.


 

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Ausbruchsmanagement

Martin Exner berichtete über die deutschen Erfahrungen und befasste sich in seinem Vortrag mit der Epidemiologie von SARS-CoV-2, mit den Strategien zur Pandemiebekämpfung und mit den Zukunftsaussichten. Er zeigte Statistiken bezüglich der Inzidenzen und Todesfälle in verschiedenen Altersgruppen. Die Impfung (ca. 13% sind in Deutschland bisher geimpft, mit Priorität auf den hohen Altersgruppen) zeigt bereits Wirkung – mittlerweile liegt die Inzidenz bei unter 60jährigen höher als in den betagten Altersgruppen.
Die neuen Varianten bezeichnete Exner als beunruhigend – sie weisen offenbar eine höhere Übertragbarkeit auf und führen zu schwereren Verläufen. Oft sind auch jüngere Leute betroffen und werden intensivpflichtig.
Grundsätzlich haben wir es mit der Konfrontation einer nicht-immunen Bevölkerung mit einem neuen Pathogen zu tun. Das RKI stuft diese als sehr gefährlich ein, erklärte Exner.
Weiterhin gibt es viele Übertragungen in der Community – an Arbeitsplätzen oder in Gemeinschaftseinrichtungen. Ausbrüche verlaufen in verschiedenen Settings sehr unterschiedlich – in Schulen beispielsweise eher nicht explosiv.
Die neuerlichen Empfehlungen, vor allem zu Hause zu bleiben sind nicht nur unkritisch zu sehen – auch dort kann eine Übertragung durch Aerosole erfolgen. Das Entscheidende ist und bleibt die Kontaktreduzierung, wobei vulnerable Personen besonders zu schützen sind.
Die RKI-Impfempfehlung bezeichnete Exner als sehr gut und wissenschaftlich fundiert.
Eine Gefahr sei allerdings mittlerweile, dass die Impfung möglicherweise gegen neue Varianten nicht vollständig schützt.
Was können wir nun aus der Pandemie und für das Ausbruchsmanagement lernen? Hier rief Exner dazu auf, die Krise in diesem Sinne zu nutzen. Beispielhaft stellte er die nachgewiesenen Übertragungen in einem Restaurant in China sowie die Ausbrüche in der deutschen Fleischindustrie dar. In beiden Fällen war eine Ventilation ohne Filterung für Übertragungen über eine Entfernung von bis zu 12 Metern verantwortlich. Aerosole stellen unter diesen Bedingungen einen besonderen Risikofaktor dar. Auch in der Medizingeschichte finden sich für solche Übertragungen Beispiele, wie Exner anhand des  letzten Pockenausbruchs in Deutschland, der 1970 in Meschede stattfand, darstellte.
Auch ohne direkten Kontakt mit Infizierten erfolgte damals die Übertragung luftgetragen – mit Hilfe von Rauchtests zeigte sich die Verbreitung der Luftströme im Krankenhaus, die der Pockenverbreitung entsprach.
Mit Blick auf die Zukunft erklärte Exner, dass die Pandemie bereits Kosten über 11 Billionen US$ verursacht habe. Nur 5$ mehr pro Person seien nötig, um die Vorbereitung für ähnliche Szenarien in der Zukunft deutlich zu verbessern („Preparedness“). Dazu sei auch mehr internationale Zusammenarbeit erforderlich, nicht eine weitere Fragmentierung. Infektionskrankheiten werden zukünftig zu den wichtigsten Bedrohungen gehören, gerade auch im Zusammenhang mit dem Klimawandel. Daher müssen hygienische Prinzipien gestärkt und durchgesetzt werden.

Schweden: Lage nach wie vor kritisch

Birgitta Lytsy, Schweden, berichtete über die schwedische Strategie, die sie durchaus kritisch sieht. Ein Problem sei die starke Fragmentierung der Zuständigkeiten. Es gibt Vorgaben der Regierung, die dann lokal und regional umgesetzt werden müssen.
In Schweden waren und Gastronomie lange geöffnet. Erst jetzt gibt es auch hier eine strenge Empfehlung, von zu Hause zu arbeiten. Medizinische Masken sind nach wie vor nicht verpflichtend, werden aber empfohlen, wenn der Abstand nicht eingehalten werden kann.
Bezüglich der Ergebnisse dieser Strategie zeigte Lytsy, dass Schweden mittlerweile zu den dunkelroten Ländern auf der Karte gehört und im Vergleich mit den anderen skandinavischen Ländern die höchsten Infektionszahlen aufweist.
Es gebe aber mittlerweile einen deutlichen Rückgang der Mortalität, der auf die Impfung zurückzuführen sei.
Lytsy ist vor allem mit Ausbrüchen in Healthcare Settings befasst; allein in der Region Upsala gab es seit Februar 2020 mehr als 500 verschiedenen Ausbrüche, meist bei Mitarbeiter*innen im Gesundheitswesen, angesteckt von asymptomatischen anderen Mitarbeiter*innen, die das Virus aus der Community mitgebracht hatten.
Dass diese Übertragung zwischen Mitarbeiter*innen existiert, sei schon eine wichtige Lektion, sagte Lytsy. Dies zeige auch, dass zwischen den Empfehlungen und der Compliance damit noch ein großer Unterschied bestehe. Auch von der schwedischen Allgemeinbevölkerung wird erwartet, dass sie sich freiwillig an die Regeln hält, aber die Compliance sei zu niedrig.

Angel Asensio,
Spanien, berichtete über den Verlauf dort: man befinde sich bereits in der 4. Welle. In der ersten Welle gab es noch zu wenig Wissen über Übertragung und Risikogruppen, der Lockdown wurde dadurch verzögert, was zu einer Überlastung der Intensivstationen und hoher Mortalität führte. In der zweiten Welle gab es sogar noch mehr Hospitalisierungen. Gerade anfangs waren auch hier die höheren Altersgruppen stark betroffen, und die Letalität bei den über 80jährigen war sehr hoch. Es gibt daher auch eine
Übersterblichkeit von über 88.000 Fällen, 80% davon in der Altersgruppe über 74.
Mittlerweile ist in Spanien die B.1.1.7-Variante stark verbreitet. Die Inzidenz variiert momentan stark, auch aufgrund unterschiedlich strenger Maßnahmen in verschiedenen Regionen.

Rose Gallagher
aus Großbritannien betrachtete besonders die Auswirkungen für das Pflegepersonal. Sie zeigte den Verlauf der Infektionskurven und der Krankenhausaufnahmen im Vereinigten Königreich und betonte, dass die Zustände in der Pflege schon vor der Pandemie teils prekär gewesen seien.     Nun gebe es auch noch hohe Infektionsraten unter Mitarbeiter*innen im Gesundheitswesen, auch Long-Covid-Verläufe seien hier häufig, was großen Einfluss auf die Verfügbarkeit der Arbeitskräfte hat und die Situation noch schwieriger macht. Es gebe eine starke Empfehlung an Mitarbeiter*innen im Gesundheitswesen, sich impfen zu lassen. Hier existierten aber auch viele Fragen, sowohl zur
Impfstoffwirksamkeit und -sicherheit, als auch beispielsweise zur Impfung im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Stillzeit.
Psychische Gesundheitsprobleme nehmen zu: Angststörungen, Stress und Erschöpfung seien häufig, so Gallagher. Auch seien manche Empfehlungen im Gesundheitswesen nur schwer umzusetzen, beispielsweise das Lüften, und es gebe unterschiedliche Angaben und Verwirrung bezüglich der luftgetragenen Verbreitung. Generell besteht zu verschiedenen Aspekten keine einheitliche Meinung, wie Diskussionen zwischen Epidemiologen zeigen.
Dies erschwert klare Empfehlungen gerade im beruflichen Umfeld.

Frankreich: Das Masketragen wird beibehalten werden

Sara Romano-Bertrand, Frankreich, zeigte viele offene Fragen auf. Welche Indikatoren sollen für die Entscheidung zum Lockdown herangezogen werden und wer sollte das entscheiden?
Sollen Masken im Winter getragen werden?
Sie zeigte die Situation in Frankreich, wo es in der ersten Welle im Frühjahr 2020 zu einem schnellen Anstieg der hospitalisierten Patienten kam. In der zweiten Welle waren die Intensivstationen weniger stark ausgelastet und es gab weniger Todesfälle. Dabei hat sich der zweite Lockdown als sehr effektiv erwiesen, auch wenn Schulen und Universitäten offen geblieben sind. Momentan sind im dritten Lockdown allerdings auch die Schulen geschlossen.
Etwa 10 Millonen Franzosen sind mittlerweile einmal geimpft. Die Rate positiver Tests liegt fast landesweit zwischen 5 und 10%. Allerdings ist die Inzidenz aber überall auf Stufe „rot“. Es stellt sich die Frage, ob die Inzidenz ein guter Indikator ist, sagte Romano-Bertrand.
Man sei sich einig, dass das Maskentragen im Winter beibehalten werden sollte, denn es hilft auch gegen Grippe und andere respiratorische Infektionen; außerdem sei es in Frankreich die am besten akzeptierte Maßnahme. Das Abstandhalten und die Kontaktbeschränkungen werden wesentlich weniger umgesetzt, es habe auch zahlreiche Verstöße gegeben, so Romano-Bertrand.
Abschließend ging sie auf die Hygiene-Hypothese ein. Demnach könnte die COVID-19-Pandemie eine schon bestehende Entwicklung verstärken, die mit einer Abnahme der Diversität im Mikrobiom verbunden ist. Räumliche Trennung und ausgeprägte Hygienemaßnahmen verstärken dies, und Möglichkeiten für eine Reinokulation werden geringer. Der Einfluss des Mikrobioms auf die menschliche Gesundheit ist mittlerweile anerkannt; offen, aber möglicherweise kritisch ist es, den Einfluss des Mikrobioms auf eine Anfälligkeit für Infektionen mit SARS-CoV-2 zu bedenken, ebenso wie den Einfluss der Präventionsmaßnahmen auf das Mikrobiom.

 

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Niederlande: Kohortierung vs. Einzelzimmer

Margaret Vos berichtete aus den Niederlanden. Auch hier ist der Verlauf der Infektionskurven ähnlich wie in ganz Europa, und es sind schon Effekte der Impfung zu sehen. Viele ignorierten allerdings die Vorgabe, nur einen Besucher zu empfangen – die meisten Infektionsübertragungen geschähen dementsprechend jetzt auch in Privathaushalten.
Vos betrachtete insbesondere die sichere Versorgung von Nicht-COVID-Patienten im Krankenhaus. Mit Hilfe von Testungen, direkter Trennung und speziellen Masken für Infektionsverdächtige könne man die Situation sicher machen. An Ihrem Klinikum in  Rotterdam sei man zudem in der glücklichen Lage, dass es nur Einzelzimmer gibt. So kann man auch Besuche ermöglichen – ein Luxus in diesen Zeiten. Für die Zukunft bedeute dies, dass man Krankenhäuser grundsätzlich mit Einzelzimmern planen sollte. Dann wäre auch eine Kohortierung unnötig, sagte Vos. Die Kohortierung erleichtere aber vieles: Zimmertüren könnten offen sein, da alle infiziert sind und sich in derselben kontaminierten Umgebung befinden. Schutzausrüstung ist natürlich immer zu tragen.
Eine weitere drängende Frage ist es, wann eine Isolierung beendet werden kann. Die Patienten haben oft über Monate noch Husten. Der CT-Wert spielt wichtige Rolle; trotzdem weiß man im Grunde nicht genau, wann eine Isolierung sicher beendet werden kann. Dies bleibt eine wichtige Frage für die Zukunft.

Aus Italien berichtete Flavia Riccardo, Epidemiologin am dortigen Public Health Institute.
Italien war früh von der Pandemie betroffen. Grundsätzlich folgt man dem so genannten „Hammer and Dance Approach“ – zunächst strenger Lockdown, dann schrittweise Öffnungen, die gleich einem Tanz immer wieder angepasst werden“, bis genügend Personen geimpft sind. In der Übergangsphase sei es wichtig, in Vorkehrungen zu investieren, die auf ähnliche Szenarien in der Zukunft vorbereiten. Dazu werden zahlreiche Indikatoren genutzt, um die Situation zu überwachen. Für den nächsten Winter werden beispielsweise Modellrechnungen erstellt und Strategien vorbereitet. Testungen bei der Einreise sind Teil der momentanen Maßnahmen. Auf diese Weise lagen die Inzidenzwerte eine Zeit lang niedriger als in anderen europäischen Ländern, stiegen aber dann wieder an.
Als Herausforderungen bezeichnete Riccardo die neuen Varianten mit höherer Übertragbarkeit und evtl. geringerer Wirksamkeit der Impfstoffe, außerdem die Anpassung der Maßnahmen, die immer wieder aufs Neue notwendig wird und auch die Impfkampagne selbst. Auch sie erwähnte die Investition in „Preparedness“, die Vorbereitung auf zukünftige Pandemie-Ereignisse, als essenziell wichtig.

Off topic 1: Infektionsprävention und -kontrolle

Am zweiten Kongresstag fand eine weitere EUNETIPS-Sitzung statt, in der es nicht um COVID-19 ging.
Martin Exner, Bonn, befasste sich mit dem Thema, wie Unterschiede der Hygienevorgaben im Gesundheitswesen in Europa beseitigt werden können. So gebe es deutliche Unterschiede in den Raten nosokomialer Infektionen, in der Anzahl von Krankenhausbetten und Intensivbetten pro 100.000 Einwohner und im Pflegepersonalschlüssel im Krankenhaus.
Diese Beispiele verdeutlichten vor allem, dass es bis zu einheitlichen Verhältnissen in Europa noch ein weiter Weg ist.
Insbesondere die großen Unterschiede bei den Antibiotika-Resistenzen seien nicht akzeptabel, erklärte Exner. In Bezug auf Italien hat das ECDC die hohe Rate an AB-Resistenzen als große Bedrohung für die öffentliche Gesundheit bezeichnet. Hier seien deutliche Worte seitens des ECDC notwendig geworden, weil viele Faktoren – u.a. fehlende Führung und mangelnde Kontrolle – dazu führen, dass die AB-Resistenzen so hoch sind und nicht bekämpft werden.
Was sollten die Ziele für Europa sein? Exner verwies auf die von der WHO 2016 formulierten „Kernkomponenten der Infektionsprävention und -kontrolle“, in denen besonders nationale Leitlinien und Leitlinien für die einzelnen Einrichtung aufgeführt sind, außerdem die Surveillance als essentieller Bestandteil, die die Auswertung und Bewertung von Maßnahmen erst ermöglicht und Aus- und Weiterbildung als wichtigste Grundlage für die Kompetenz der Mitarbeiter. Gerade hier muss geprüft werden: Was ist verpflichtend? Und wie wird die Aus- und Weiterbildung ausgeführt? Welche Berufsgruppen sind eingeschlossen; erhält z.B. auch das Reinigungspersonal Schulungen zur Hygiene und Infektionsprävention?

Off topic 2: Verbesserung der Händehygiene-Compliance

Dr. Mulugeta Naizgi sprach über Implementierung kostengünstiger multimodaler Maßnahmen zur Verbesserung der Einhaltung der Handhygiene am Ayder Hospital in Äthiopien. Einleitend sagte er, dass Entwicklungsländer 2- bis 20fach höhere nosokomiale Infektionsraten haben als Industrieländer. In Äthiopien liegt die Prävalenz bei 19,4%.
Die Händehygiene ist die effektivste Maßnahme zur Reduzierung dieser Infektionen, aber es existieren viele Barrieren. Naizigi beschrieb die Ausgangssituation, in der es vielfach keine Handwaschbecken gab. Nur vereinzelt wurde auf Postern auf die Händehygiene hinwiesen, außerdem waren keine Desinfektionsmittelspender vorhanden.
In einem Gemeinschaftsprojekt mit dem Katholischen Klinikum Bochum sollte die Praxis der Händehygiene und die Compliance verbessert werden. Die Interventionen beinhalteten die Installation von selbstgebauten Händedesinfektionsmittelspendern mit im Haus hergestelltem Desinfektionsmittel an jedem Patientenbett, die Schulung des Personals und neuer Praktikanten in Workshops. Zusätzlich wurde der Welttag der Händehygiene offiziell gefeiert und es wurden Poster zur Erinnerung an die Maßnahmen aufgehängt.
Schließlich wurden die Maßnahmen durch ein interdisziplinäres Hygienekomitee regelmäßig überprüft, außerdem durch Compliance-Monitoring zu Beginn sowie nach 7 und 12 Monaten mit Hilfe des WHO-Protokolls. Bei guter Compliance wurde ein Preis verliehen.
Im Ergebnis wurde die Maßnahmen zur Händehygiene vor und nach Patientenkontakt signifikant häufiger beachtet. Die Compliance verbesserte sich von 4,8 auf 37,3 bzw. 56,1%. So konnte die Infektionskontrolle mit der Hauptmaßnahme Händedesinfektion im ganzen Krankenhaus in den Fokus gerückt werden, mit nachhaltig positiven Auswirkungen.

Off topic 3: Pestfall durch Murmeltierverzehr

Walter Popp berichtete über die Pest in der Mongolei. Er beschrieb die verschiedenen Verlaufsformen der Pest, die in einigen Ländern noch endemisch ist. Die Beulenpest ist gut mit Antibiotika zu behandeln. Die primäre Lungenpest führt unbehandelt in 100% zum Tod.
Das Reservoir sind Nagetiere wie Ratten, Mäuse, auch Murmeltiere, die gerade in der Mongolei eine besondere Rolle spielen. Murmeltiere können dabei auch selbst erkranken und sterben. Die Übertragung auf den Menschen erfolgt über Flöhe als Vektoren, orale Ingestion und Inhalation sind ebenfalls möglich. In Madagaskar und im Kongo gab es zuletzt große Ausbrüche, dazu Fälle in den USA und einige in der Mongolei.
Beim Auftreten von Pestfällen sind Isolierung, Tragen von Schutzausrüstung und Meldung an die Gesundheitsbehörde verpflichtend. Eine Postexpositionsprophylaxe ist sinnvoll.
2010/11 startete das Hygieneprojekt in der Mongolei. Popp berichtete über häufig auftretende Krankheiten, darunter viele Zoonosen, was sich dadurch erklärt, dass 30% der Einwohner noch Hirten sind und ständig engen Kontakt zu Tieren haben.
Das Nationale Institut untersucht jedes Jahr die Verbreitung der entsprechenden Krankheiten. 2019 wurde über einen Fall eines Paares berichtet, dass entgegen einen seit 2014 bestehenden Verbot Murmeltiere gegessen hatte – darunter auch bestimmte Organe roh, was oft als traditionelle Medizin empfohlen wird. Vermutlich wegen des Verbots wurde der Konsum der Murmeltiere verschwiegen, was zu einer deutlichen Diagnoseverzögerung führte. Der Ehemann starb zu Hause, die Frau später im Krankenhaus, wo sie noch antibiotisch behandelt worden war, aber trotzdem eine Sepsis mit Multiorganversagen erlitt.
Y. pestis konnte anschließend in verschiedenen Organen nachgewiesen werden. Aus Furcht vor Lungenpest verhängten die Behörden eine 6-tägige Quarantäne über den ganzen Ort; es gab aber keine weiteren Fälle.



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